Das Leiden an der Welt ist eine zu ernste Sache, um sie der Jugend zu überlassen.

von Torsten am 7. Juni 2008 · 3 comments

in Aufgelesen

(Ein Artikel aus der FAZ von 2004, den ich hier mal ablege, damit er mir zukünftig immer zur Verfü­gung steht. Toller Artikel.)

Wem die Jugend eine Marter ist, dem ist das Alter eine Erlösung: Popsänger Morrissey, früher Chef der Smiths und einer der „Greatest Artists of All Time“, ist wieder da. Und besser denn je.

Es war fast schon alles aus, vor zwei Jahren, als das Unglück geschah. Vielleicht waren wieder einmal die achtziger Jahre schuld, die schon damals begonnen hatten, zurück­zu­kehren, die erwachsen geworden waren und selbst­ge­fällig; vielleicht war es aber auch das angebro­chene Jahrtau­send, das seinen Sound noch nicht gefunden hatte, und als es so herum­suchte in den Songbooks der Popge­schichte, fiel ihm jenes eher kurze Kapitel wieder ein, in dem schon alles gestanden hatte, über Perspek­tiv­lo­sig­keit und Depres­sion, über Lange­weile und Einsam­keit. Die Band also, die vor knapp zwanzig Jahren so etwas wie den Glamour der Inner­lich­keit erfunden hatte, sie stand auf einmal dort, wo sie nie hinge­hörte: ganz oben. Die Leser des „New Musical Express“ hatten „The Smiths“ zu den „Greatest Artists of All Time“ gewählt. Aus dem Nichts. Gerade einmal vier Jahre hatte die Band existiert, und „Smiths“-Sänger Morrissey hatte seit fünf Jahren kein Solo-Album mehr veröf­fent­licht. Doch der phäno­me­nale Triumph war vor allem Ausdruck der Enttäu­schung: ein Nachruf, der wehmütig akzep­tierte, daß die Zeit der größten Band aller Zeiten vorbei war und daß es Morrissey alleine niemals schaffen würde, sein eigenes Werk zu beerben. „The Smiths“ waren im Olymp angekommen, und weil „The Smiths“ immer eher ein Teil von Morrissey waren als umgekehrt, mußte man sich fragen, wohin sein eigener Weg von dort aus nun führen würde. Es war eine ganz neue Form der Einsam­keit, dort oben an der Spitze der Liste.

Nach sieben Jahren veröf­fent­licht Morrissey jetzt wieder ein neues Album, und daß er seine eigene Histo­ri­sie­rung dabei geflis­sent­lich ignoriert, zeigt nicht nur das Schul­ter­zu­cken, mit dem er die aktuelle Wertschät­zung seines Jugend­werks hinnimmt. Denn während die Leser­schaft des „NME“ sich noch immer überwäl­tigt ein „vor den Beatles“ zuraunt, kommen­tiert Morrissey nur: „Ich konnte nicht glauben, daß wir gegen Abba gewonnen haben.“

„You are the Quarry“ heißt die Platte, mit der er sich nun zurück­meldet, und wer die zwölf Songs ein paar Mal hört, kann kaum noch sagen, ob sie nun alle Erwar­tungen erfüllen, die sich in den vergan­genen zehn Jahren angestaut haben, zählt man die eher unauf­fäl­ligen Zwischen­mel­dungen „Malad­justed“ (1997) und „Southpaw Grammar“ (1995) zur Warte­zeit dazu. Vielmehr kommt es einem vor, als sei Morrissey nie weg gewesen, was sicher ein gutes Zeichen ist.

Sie sind fast alle wieder da, die Motive aus dem Morrissey-Universum, die Haßliebe zu England („Irish Blood, English Heart“), die Lebens­lügen klassi­scher Bezie­hungen („All the Lazy Dykes“) und vor allem die Unmög­lich­keit, geliebt zu werden („The World Is Full of Crashing Bores“, „How Could Anybody Possibly Know How I Feel“, „I Have Forgiven Jesus“). Aber trotz allem ist das Album kein Ticket in die Vergan­gen­heit, was nicht nur der ungewöhn­lich fröhli­chen Instru­men­tie­rung zu verdanken ist, sondern in erster Linie dem Auftreten des mittler­weile 44jährigen. Weltschmerz, Ennui und Außen­sei­tertum: Das sind zwar noch immer Morris­seys zentrale Themen. Die Unsicher­heit jedoch, die immer ihr Begleiter war, ist einer erstaun­li­chen Souve­rä­nität gewichen.

Es ist nicht der larmo­yante Jüngling, „sixteen, clumsy and shy“, der hier spricht, schon gar nicht im kraft­vollen Refrain der ersten Single: „Irish Blood, English Heart, This I’m made of / There is no one on earth, I’m afraid of“. Der neue Morrissey, das ist vielleicht die beste Nachricht, hat sich weder verraten noch neu erfunden - aber er hat sich ein paar Anzüge gekauft und eine Maschi­nen­pis­tole, und er trägt beides, als wären es schon immer die respekt­for­dernden Insignien der Mißver­stan­denen gewesen, die Symbole seines Famili­en­wap­pens. Morris­seys Posen, die schon immer der stilsi­chere Ausdruck einer Haltung waren, sie haben sich kaum verän­dert; aber heute stehen sie ihm besser als je zuvor.

Der schöne Liebestod: Verpaßt

Daß es ausge­rechnet der Schutz­hei­lige der Adoles­zenz ist, der seinen berufs­ju­gend­li­chen Alters­ge­nossen vormacht, wie man in Würde altert, das ist die wahre Sensa­tion, die Offen­ba­rung des neuen Morrissey. Das Altern nämlich, so schien es, war für ihn so wenig vorge­sehen wie für Dorian Gray, und es galt als wahrschein­li­cher, daß seine Todes­sehn­sucht eines Tages tatsäch­lich zu einem lyrischen Ende wie jenem aus den grandio­sesten aller „Smiths“-Zeilen führen würde: „And if a double-decker bus / Crashes into us / To die by your side / Is such a heavenly way to die / And if a ten-ton truck / Kills the both of us / To die by your side / Well, the pleasure - the privi­lege is mine“. Sich Morrissey als einen Mitvier­ziger mit grauen Schläfen vorzu­stellen - das wäre einem nicht in den unruhigsten Träumen einge­fallen. Wer dagegen schon damals seine Weiner­lich­keit und Zerbrech­lich­keit präten­tiös bis unerträg­lich fand, der konnte das Schlimmste für die Jahre befürchten, in denen seine Jugend nicht mehr als Entschul­di­gung dafür herhalten würde.

Das Ende dieser Jugend aber - es mündete weder in den Selbst­mord noch in die Lächer­lich­keit, und man weiß gar nicht genau, wofür man dankbarer sein muß. Es ist ein Segen, daß Morrissey sein Selbst­mit­leid mittler­weile ein wenig sparsamer dosiert; daß sich aber seine Verzweif­lung in einen gesunden Zynismus verwan­delt hat und seine Unsicher­heit in Souve­rä­nität: das bedeutet viel, viel mehr. Es beinhaltet ein Verspre­chen, das in der Geschichte des Pop noch nie so deutlich formu­liert worden ist: Das Leben wird besser, wenn man älter wird. Schon damals, gewis­ser­maßen aus Sicht des Betrof­fenen, wollte Morrissey seine Jugend am liebsten eintau­schen wie ein unbrauch­bares Geschenk; die Leiden­schaft aber, mit der er sie verach­tete, schien immer das Gegen­teil zu behaupten. Tausende schwer­mü­tiger Jungs fühlten sich verstanden, aber Millionen von 40jährigen hätten sofort mit ihm getauscht. Wenn aber auch ein gereifter Morrissey der Jugend nicht nachweint, und dabei so gut aussieht wie nie zuvor, dann gibt es plötz­lich eine Alter­na­tive zum bisher scheinbar einzigen Rollen­mo­dell für Pop-Musiker jenseits der Vierzig, dem Rock-Opa, der sich noch in seinen Rollstuhl „I wanna die before I get old“ gravieren läßt.

Wie er einst die Jugend als Marter zelebrierte, feiert er heute das Alter als Erlösung. Mag sein, daß etwa Bryan Ferry oder David Bowie auf ihre Art schon angedeutet haben, daß es Wege gibt, Bewun­de­rung in Respekt zu verwan­deln. Aber Morrissey, der vermut­lich schon mit vierzehn seine erste Midlife-crisis hatte, ist der erste, der als Elder Statesman des Pop zu sich selbst kommt, ohne Bruch, ohne neues Image. Und wenn sich auch auf der neuen Platte die wehmü­tigen Töne nicht überhören lassen, dann liegt das daran, daß Morrissey wie kein anderer weiß, daß das Leiden an der Welt eine viel zu ernste Sache ist, um sie der Jugend zu überlassen.

Das wahre England: In Kalifornien

Vielleicht war es gerade die lange Pause, die seinen Fans ersparte, ihrem Helden in den kriti­schen Momenten des Alterns zuzuschauen. Der Anfang vom Ende schien gekommen, als Morrissey vor sechs Jahren England verließ, um sein neues Heim in L.A., unweit des Sunset Boule­vards zu beziehen. Die Sonne Kalifor­niens, so war zu befürchten, würde dem „Pope of the Mope“, dem Papst der Trübsal, früher oder später die Melan­cholie aus dem Herzen brennen. Aber wer sah, wie Morrissey in seiner kleinen Villa lebte wie vor ihm Clark Gables Frau Carole Lombard, für die sie einst gebaut worden war, der ahnte schon, daß es weder die vikto­ria­ni­sche Enge war, die ihn von der sogenannten Insel vertrieben hatte, noch die Leich­tig­keit des ameri­ka­ni­schen Westens, die ihn in irgend­einer Weise angezogen hatte. Es dürfte kaum einen briti­scheren Ort geben, als das Innere dieses exoti­schen Anwesens mit seinen Polster­ses­seln und Putten, und wenn gelegent­lich Nachbarin Nancy Sinatra zum Tee kommt, parliert man über die Queen, wie zu erfahren war. Sein neues, selbst­ge­wähltes Exil hat nichts mit einer Flucht in die Norma­lität zu tun, im Gegen­teil: Es erhöht nur die Fallhöhe für seine Verschro­ben­heit. Je heller die Welt um ihn herum strahlt, desto anspruchs­voller ist es, der Außen­seiter zu sein. „America Is Not the World“ heißt das erste Stück des neuen Albums: Auch so ein Song über eine unmög­liche Liebe, die mit vielen Verspre­chungen anfängt und in Besitz­an­sprü­chen und Zurück­wei­sungen endet. Überhaupt kann man am Verhältnis Morris­seys zu seiner neuen Heimat die Frage der Einstel­lung zu seiner alten ganz gut ablesen, die für manche noch immer mindes­tens so klärungs­be­dürftig ist wie die seiner sexuellen Vorlieben. Seit er 1992 im Londoner Finsbury Park im Vorpro­gramm von Madness aufge­treten war und den zum Teil notorisch rechts­ra­di­kalen Fans der Ska-Band, in den Union Jack gehüllt, „English for the English“ entge­gen­sang, machte die briti­sche Musik­presse, allen voran der „NME“, Front gegen den Sohn irisch-katholischer Eltern. In „Irish Blood, English Heart“ nun beweist Morrissey seinen Natio­na­lismus vor allem dadurch, daß er von Oliver Cromwell bis zu den Tories gegen die gesamte Bandbreite briti­scher Geistes­hal­tungen wettert und von einer Zeit träumt, in der man zu seiner Flagge stehen kann, ohne sich dafür zu schämen.

Im Spiegel immer noch: Der Schönste. Ich

Dieser Wunsch, eine fast deutsche Sehnsucht nach einem unver­krampften Natio­na­lismus, dürfte die seltsame Debatte wieder anheizen. Es ist natür­lich absurd, Morrissey für einen Rassisten zu halten, und wer daran zweifelt, sollte sich, bevor er sich in endlose Diskus­sionen stürzt, ganz einfach ein paar alte Porträts des Künst­lers als jungen Mann anschauen. Sie machen nämlich sehr schnell klar, daß die Roman­ti­sie­rung des Eigenen keinem Haß auf das andere entspringt, sondern einer Liebe zu sich selbst. Es hat schon seinen Grund, daß bei Konzerten Morris­seys bis heute Narzissen auf die Bühne geworfen werden.

Die homose­xu­elle Kompo­nente, die man ihm oft unter­stellte, als wäre dies eine plausible Antwort auf sein öffent­lich zelebriertes Zölibat, hatte immer vor allem mit dieser Selbst­liebe zu tun. Ja, es sind vor allem Männer, die ihn lieben, die zu ihm auf die Bühne steigen, die ihn anfassen wollen, als könnte seine Berüh­rung ihre Einsam­keit heilen - aber es waren hetero­se­xu­elle Männer. Denn es war nie der Haß auf die Frauen, den Morrissey vermit­telte, sondern die Enttäu­schung über all die Regeln und Codes, die man beherr­schen muß, um lieben zu dürfen, über die albernen Rituale des Kennen­ler­nens, die Spiele und die Rollen und die Masken. Wenn Morrissey in den Spiegel schaut, was er, nach allem, was man weiß, gerne und ausgiebig tut, dann sieht er keine Masken. Es ist ein Trick, und vielleicht ist er ganz einfach: Man guckt so lange, bis einem gefällt, was man sieht, und wer am längsten dafür braucht, hat gewonnen. Gegen die Häßlich­keit der Welt zumin­dest gibt es kein besseres Mittel als die eigene Eitelkeit.

Harald Staun

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1 zora Juni 12, 2008 um 18:35

WHOU!!! Dem ist nichts hinzu zu fügen, dem ist nicht zu wider­spre­chen, dem IST so.

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2 Torsten Juni 12, 2008 um 20:45

Du sagst es, jeder Satz ein Treffer. In puncto Smiths/Morrissey (als auch einfach so) ein Evergreen in meiner Sammlung hervor­ra­gender Texte.

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