10 Platten für die Insel (Teil 2)

by Torsten on 22. August 2008 · 3 comments

in Musik

Teil 2 unserer kleinen Reihe „10 Alben für die Insel“!
Alle Artikel aus der Reihe sind hier abrufbar.


Fehlfarben – Monarchie & Alltag

1980 – EMI Electrola

Hier und jetzt / Grauschleier / Das sind Geschichten / All That Heaven Allows / Gottseidank nicht in England / Militürk / Apokalypse / Ein Jahr (es geht voran) / Angst / Das war vor Jahren / Paul ist tot

– hier und jetzt –

die schatten der vergangenheit
wo ich auch geh, sind sie nicht weit
ich weiß nicht einmal, wer ich bin
in der zeitung zu lesen hat keinen sinn

die zweite hälfte des himmels könnt ihr haben
doch das hier und das jetzt, das behalte ich

Die zweite Hälfte des Himmels lag vor mir und meinen Kassetten: Knapp ein Jahr meines Lebens habe ich beinahe im Dauerschlaf verbracht. Vom vor-revolutionären Sommer 1989 bis in den Frühling 1990 hinein, lag ich in meinem Bett im Lehrlingswohnheim (gibt es eine adäquate neuzeitliche Bezeichnung für sowas?) im Magdeburger Lorenzweg, die Decke über den Kopf gezogen und den Walkman auf den Ohren. Mein Leben bestand zu dieser Zeit ausschließlich aus Schichtdienst im Zeitungsgewerbe, dem Hin- und Rückweg zum Lehrlingswohnheim, und dem Einkauf von Brötchen und abgepackten Würstchen. Ich habe mich tatsächlich knapp ein Jahr lang die Woche über ausschließlich von Brötchen und Würstchen ernährt.

Meine beiden treuen Begleiter in dieser Zeit waren zwei Musikkassetten (damals nannten wir Tapes noch so): Die Art aus Leipzig mit ihrem Demotape „Dry“ und eine verrauschte, aber immerhin schon Stereo-Kopie von „Monarchie & Alltag“ der Fehlfarben. Wenn ich nicht arbeitete, schlief oder aß, hörte ich genau diese beiden Tapes im wöchentlichen Wechsel.

Der beste Soundtrack für diese Art Leben. Kalt, metallisch ohne nach Metal zu klingen, anklagend, wütend, dunkel. Das Album klingt nach Berlin, so wie kein anderes Album nach Berlin klingt und gleichzeitig so wenig Berlin ist.

Sondern Düsseldorf.

Also weit weg, eigentlich. In westdeutscher Gemütlichkeit. So gemütlich kann’s dort allerdings auch nicht gewesen sein, 1980, in den Zeiten der Berliner Mauer, der Paranoia des Kalten Krieges, der Pershing II- und SS 20-Raketen und der Friedensbewegung. Später dann war die Musik der Fehlfarben auch Soundtrack für die Schlachten um Wackersdorf, die Hamburger Hafenstraße und die Startbahn West.

Bis heute taucht „Monarchie & Alltag“ stets auf vorderen Plätzen auf, wenn es darum geht, die besten deutschsprachigen Alben aller Zeiten zu benennen. Die Mischung aus Rock, Punk und Ska war beim Erscheinen des Albums für deutsche Verhältnisse absolut neu. Die eingangs erwähnte metallische Kälte des Albums, der oft monotone Beat (für Punkrock im klassischen Sinne absolut unüblich) und natürlich die Texte der Band wahren Wegbereiter für viele Nachkömmlinge und auch ursächlich für die „Neue Deutsche Welle“. Wobei NDW hier natürlich nicht für den Spaß- und Nonsens-Pop der späten Jahre ab 1982 steht, als man bunte Kostüme trug und alberne Lieder über alberne Dinge sang.

Was ich an Peter Heins Texten immer bewundert habe, ist die Fähigkeit mit einfachen Sätzen komplexe Sachverhalte auszudrücken. Wahrscheinlich ist das Album auch deshalb ein Klassiker geworden, weil sich jeder pubertierende Indiepunkrockweißichwasmensch darin wiedererkennen kann. So er denn will. Denn Teenage-Angst und Weltschmerz gibt’s in jeder Generation. Nur die Art der Artikulation und damit auch die Wahl der Mittel ändern sich.

Ich hatte im letzten Jahr die Gelegenheit, die Fehlfarben erstmals live zu erleben. Es war spärlich besucht aber absolut großartig. Peter Hein schildert übrigens in seinem Buch „Geht so: Wegbeschreibungen“ auch eine Begegnung der etwas anderen Art, die vor oder nach besagtem Konzert (so genau weiß ich das nicht) stattgefunden hat. Und leider leider mal wieder typisch ist. Paul war jedenfalls auch da, und ich hätte gern ein Video von meinem alten Freund Paul hier eingebunden. Leider ist youtube in dieser Hinsicht nicht besonders kooperativ. Nur ’ne Liveaufnahme aus späteren Tagen, die gibt allerdings die Magie, die insbesondere dem Schlußstück innewohnt, nur ungenügend wieder.

Paul ist tot. Kein Freispiel drin.

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1 Andreas August 23, 2008 um 10:03

schön, dass ich dich anstecken konnte   :mrgreen:

ich habe es immer nicht recht verstehen können, (meine holde kann das auch) wie man 1 oder eben bei dir 2 platten oder gar nur einen song, auf dauerrepeat hören kann … einfach nicht mein ding. aber diese beiden erwähnten tapes, ohhh wahrlich tapes ist für meinen sprachgebrauch neumodischer firlefanz aus den end-neunzigern, sind grosses kino und eine enorme bereicherung meines musikalischen horizontes gewesen. und wie du weisst sind die farben auch unter meinen top 10 zu finden 🙂

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2 Torsten August 23, 2008 um 12:21

Ach, ein, zwei Platten in Dauerrotation, das geht auch heute noch. Ging mir zuletzt mit den letzten Platten von Against Me! und Tocotronic so. Und natürlich Niels Frevert, der lief auch rund um die Uhr. Diese Fehlfarben-Rezension fiel mir übrigens ziemlich schwer, aber Übung macht den Meister. Mehr dann in Teil 3, Platte verrat ich noch nicht.

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3 Jule wäscht sich nie August 23, 2008 um 17:39

Natürlich die Fehlfarben…was auch sonst? Und da haste so lang drüber gebrütet? Aber gut isses geworden Herr Bollwerk. Wenn das mit dem Bionadehiphop nix wird dann eben Rezensist in der Popcorn..wenns die denn noch gibt.

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