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Fröhliche Schreinachten!

by Torsten on 26. Dezember 2008 · 3 comments

in Kraut und Rüben

Wir lernen fürs Leben. Und für einen Ausbil­dungs­platz beim VEB Kohle­han­del. Wir gewin­nen Erkennt­nisse, naschen Tannen­zap­fen vom Baum der Erkennt­nis und tanzen – wenn  wir uns genug Mut angetrun­ken haben – einen Reigen. Eine fiktive Geschichte.

Der kleine Kevin-Patrick rennt wie von Sinnen um den Weihnachts­baum, die Haare wirr vom Kopf abste­hend, in den Augen der Glanz dieser wahnsin­ni­gen Weihnacht. Komplett überwäl­tigt und schwer mitge­nom­men von den Eindrü­cken, der Fülle an Geschen­ken und der ganzen Weihnachts-Aufregung tanzen seine Synap­sen den wilden Samba der minder­jäh­ri­gen Glück­se­lig­keit. Seine Runden werden nur vom Aufrei­ßen (und wenn ich REISSEN sage, dann meine ich auch REISSEN) der Geschenke unter­bro­chen. Im hohen Bogen fliegen Geschenk­pa­pier, Verpa­ckungs­kar­to­na­gen und Sektglä­ser durch die Luft. Schreie des Entzü­ckens zerschnei­den die viel zu dicke Luft im Raum. Da, was buntes! Da, was zum Spielen!! Da, Scho-koooo-laaaa-de!!! Die jungen und glück­li­chen Eltern stehen mit ihrem Kind in einem wahnsin­ni­gen Wettstreit der Freude. Wer brüllt lauter? Wer ist entzück­ter, ob der ganzen Geschenke? Abwech­selnd äußern Papa, Mama und Kind ihre helle Freude in ebenso hellen Schreien. Als ich mir nicht mehr sicher bin, ob das der Sound­track zu einem Teenie-Splatter-Horrorfilm oder immer noch Weihnach­ten ist, naht Erlösung in Form des Eierwe­ckers. Essen ist fertig. Gott! sei!! Dank!!!

Da wurde dem Herrn im Himmel wohl zu früh gedankt, denn Kevin-Patrick, der kleine Satans­bra­ten, hat bereits den Rotkohl fest im Blick bzw. vielmehr fest in der Hand. Mit geziel­ten Würfen gehen Wand, Tisch und Großva­ter im Rotkohl-Hagel unter. Letzter bewaff­net sich todes­mu­tig mit Kartof­fen (weich­ge­kocht). Ab 18.00 Uhr wird zurück­ge­schos­sen! Es entbrennt eine wilde Essen-Schlacht, Kevin-Patricks Mutter ohrfeigt seinen Vater mit ein paar Schnit­zeln, wegen der Fremd­ge­he­rei im letzten Jahr. „Du Schwein, Du Schwein, ich hau Dir eine rein!“ so reimt sie weinend und schlägt munter weiter auf ihn ein. Die Soße tropft Papa von den Wangen, und mit ihr auch sein letzter Rest an Würde. Mühsam sucht er hinter der vollge­stopf­ten Schrank­wand Deckung, als ihn die inzwi­schen leere Kartof­fel­schüs­sel am Kopf trifft. Er taumelt, geht zu Boden und robbt bis unter den Tisch. Hier sucht er Deckung, Deckung vor seiner Angetrau­ten, Deckung vor den Widrig­kei­ten des Lebens und sogar Deckung vor dem eigenen Ich. Auf dem Tisch steht inzwi­schen unser Schnu­ckel­chen Kevin-Patrick, die rotkoh­lige Faust fest und entschlos­sen geballt. Er schwankt bedroh­lich, offen­bar hat ihn seiner kleiner Angriffs­krieg doch etwas mitge­nom­men – und fällt der Länge nach auf den Tisch. Vom Knall aufge­schreckt krabbelt Papa unter dem Tisch vor, fällt Mama um den Hals und brüllt in einer Stimm­lage irgendwo zwischen hyste­risch und entrückt den alten Satz von Stasi-Arsch Erich Mielke „Ich liebe doch! Ich liebe doch alle Menschen, Genos­sen! Genos­sen, ICH LIEBE DOCH!!!“

Vorsich­tig tragen Mama und Papa, in liebe­vol­ler Zunei­gung vereint, ihr Opfer der Umstände ins Bett. „Endlich schläft der Kleine, er war ja schon den ganzen Tag so aufge­dreht!“.

Während­des­sen steht Tante Elvira, ein kinder­lo­ses Mitglied der bundes­deut­schen Solidar­ge­mein­schaft abseits am Weihnachts­baum. Sie hat die ganze Szene­rie des Grauens mitleid­voll mitan­ge­se­hen. Ihr Blick gleitet in die Leere der Nacht hinaus. Eigent­lich mag ich ja Kinder, so denkt sie, wenn nur die Eltern nicht wären…

{ 3 comments… read them below or add one }

1 Jens Dezember 27, 2008 um 22:58 Uhr

Frohes Fest :mrgreen:

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2 Jule wäscht sich nie Januar 5, 2009 um 16:03 Uhr

So ein schönes Weihnach­ten haben wir zu Hause nie:(

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3 Torsten Januar 5, 2009 um 17:04 Uhr

Kein Grund, traurig zu sein… 😉

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