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Sommerloch

by Torsten on 23. Juli 2009 · 13 comments

in Kraut und Rüben

Früher gab es noch VHS-Kassetten in Video­the­ken. Vergaß man vor der Rückgabe das Rückspu­len, wurde 1,00 DM Spulge­bühr fällig. Heute gibt es DVDs. Wo abgespielt wird, bestimmt nicht mehr die Stelle des Magnet­ban­des, sondern Kollege Laser. Früher sah man fern um sich ablen­ken zu lassen oder sich zu entspan­nen. Heute sieht man armen Menschen bei der Renovie­rung ihres abriss­rei­fen Hauses oder beim Aufbau einer neuen Existenz in Kuala Lumpur zu. Oder Ordnungs­hü­tern beim Ordnung hüten…

Oder sozial-inkompatiblen Z-Promis beim Anrich­ten von Gerich­ten mit unausprech­li­chen Namen. Oder reichen (und oft unglaub­lich dummen) Hornoch­sen beim Ferrari-Kauf. Früher traf man alle Jubel­jahre mal ein paar bekannte Gesich­ter in den Innen­städ­ten seines gerings­ten Unver­trau­ens. Heute sind wir dank globa­ler Vernet­zung in der Lage, jede persön­li­che Stimmungs­lage ungefil­tert in den Äther zu blasen. Wie z. B. dieses schwach­sin­nige Twitter-Geblöke, von dem ich gar nicht so recht weiß, warum ich es so hasse. Vielleicht weil in der Kürze nicht die Würze, sondern nur die Oberfläch­lich­keit liegt. Das Web 2.0 ist tot, es lebe die Eckkneipe!

Zur Überbrü­ckung des hier aufge­ta­nen Sommer­lochs empfehle ich eine Reise in die Schweiz oder die Vergan­gen­heit. Eine Zeitma­schine wäre was feines, am besten eine, die mit Erdgas läuft. Das macht die Zeitreise rein kosten­tech­nisch überschau­bar und schont die Umwelt. Umwelt­scho­nen ist nämlich total in, manche schonen soviel und solange, daß ihre CO2-Bilanz bereits negativ ist. Sie nehmen nicht mehr, sie geben. Nämlich Sauer­stoff. Sauer­stoff für unsere grüne Lunge, den Gevat­ter Wald. Das ist das Ding, was links und rechts von den Straßen steht. Mit Bäumen drin und so. Im Sommer ist er grün, im Winter weiß. Aber nur wenn Schnee liegt. Wald ist spitze, beson­ders der gesunde. Man kann sich in ihm gut erholen, es gibt dort kein Fernse­hen und alle 5 km haben SIE eine Imbiß­bude aufge­baut an der man Bockwurst oder vegeta­ri­schen Rollmops kaufen kann. Vegeta­ri­scher Rollmops ist der Rolls Royce unter den Fisch­ge­rich­ten. Er riecht nicht streng, ist gesund, hübsch anzuse­hen und reich an mehrfach ungesät­tig­ten Omega 3-Fettsäuren. Omega 3 ist gut für die Durch­blu­tung. Man bleibt frisch und jung wie ein Fisch im Ozean. Nützt aber nichts, denn sterben müssen wir alle mal. An irgend­was. Wird sich schon was finden lassen. Aber durch­blu­tungs­tech­nisch sind wir in einem Top-Zustand gestor­ben, wenn uns zum Beispiel ein Trecker oder Rüben­las­ter anfährt. „Er ist platt wie ‚ne Flunder, aber seine Arterien sind noch spitze!“ sagt der Bestat­ter dann vielleicht. Aber bis dahin isses sicher noch ein Weilchen und deshalb muß ich jetzt erstmal was essen. Am besten Fisch.

Zum Abschied noch der Link des Tages: Raubko­pie­rer sind Verbre­cher. Eigent­lich sind wir alle Verbre­cher. Irgend­ein Grund wird sich schon finden lassen in diesen Zeiten der Total­über­wa­chung.

{ 13 comments… read them below or add one }

1 Alex Juli 23, 2009 um 20:41 Uhr

Aller­feinst! Vor allem das ominöse SIE mitten im Text 😀

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2 Alex Juli 23, 2009 um 21:27 Uhr

PS: Was macht „Subscribe Via Twitter“ in der Akten-Abo-Box?!

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3 Torsten Juli 24, 2009 um 05:26 Uhr

Twitter ist toll, klick mal drauf! 😉

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4 Marcus Juli 24, 2009 um 08:07 Uhr

Das einzig positive am Netz ist doch das man mitun­ter nette Leute kennen lernt die man so im Leben nicht getrof­fen hätte (selbst wenn man sich mal in die Börde verirrt hätte). Ansons­ten ist das Inter­net doch ein ganz großer Scheiß­hau­fen! Neben­bei, wieder mal ein ganz toller Text Herr Börde­ba­ron. Drückt das Ihre derzei­tige Stimmung aus?

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5 Torsten Juli 24, 2009 um 10:26 Uhr

Guten Morgen Herr König! Ja, derzei­tige Stimmung, so könnte man sagen…

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6 Marcus Juli 24, 2009 um 10:34 Uhr

…dann laß uns die Hände reichen!

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7 Jens Juli 24, 2009 um 18:44 Uhr

Ich steige morgen in die Zeitma­schine und verbringe ein paar Ferien­tage in Kyritz :mrgreen: Meld mich im nächs­ten Monat zurück.…also ab ins Sommer­loch!

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8 Torsten Juli 24, 2009 um 19:47 Uhr

Dann viel Spaß in Kyritz an der Knatter. Ich fahre mit den Mädels nach Torgau. Bis nächs­ten Monat!

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9 jule wäscht sich nie Juli 24, 2009 um 19:50 Uhr

Sei umarmt, lasst uns alle die Hände reichen, fahren wir irgend­wo­hin wo die Menschen das Inter­net einen Scheiß­dreck inter­es­siert und man noch durch die Fenster übern Hinter­hof der Nachba­rin das aktuelle Abend­pro­gramm im Fernse­hen rüber­brüllt. Oder einfach alle zusam­men in die Vor-Alterskommune ziehen, den Garten pflegen und abends beim Herren­ge­deck den ereig­nis­ar­men Tag Revue passie­ren lassen. Mehr Leben, weniger darüber berich­ten für Menschen die mir am Arsch vorbei gehen.

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10 RayFine Juli 25, 2009 um 22:19 Uhr

Sehr schön, sehr schön! gefällt mir gut und kann ich nur unter­stüt­zen diese Stimmung! Wäre da nicht der kleine Mann im Ohr, der einem flüstert: „soso, sind wir also endlich auch bei einem ‚früher war alles besser‚ angelangt?“  Wurden die VHS-Kassetten nicht ständig vom Recor­der gefres­sen und war die Warte­rei vor der  Telefon­zelle wirklich die Erfül­lung des Daseins? Aber die Schweiz ist Klasse für ne Auszeit (ausser man ist Bär in Bern), Kyritz und Müritz bestimmt auch. Und Web 2.0 bleibt für mich ein überstra­pa­zier­ter Hype, auch wenns darun­ter einige blühende Leucht­turm­land­schaf­ten wie die Börde­be­hörde gibt 😉

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11 Torsten Juli 25, 2009 um 22:39 Uhr

Die Schelte für „früher war alles besser“ hab ich eigent­lich schon früher (sic!) erwar­tet. Schön, daß sich jemand traut. Ja, ich nähere mich langsam einem gewis­sen Alters­starr­sinn und schaue mit verklär­tem Blick aus dem obers­ten Fenster meiner Alzheimer-Residenz… Es verhält sich wie mit einem tempo­rä­ren Rücken­lei­den – das gibt sich wieder. 😉

Der blühende Leuchtturm-Ber aus Bärn

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12 Gnomorella Juli 26, 2009 um 09:48 Uhr

Werter Herr Torsten,
verra­ten Sie mir bitte ( sofern Sie es verra­ten können, wir können auch einen Code verein­ba­ren, ein Blink­zei­chen, ein Yes-Torty im Brief­kas­ten.…) ähm, also verra­ten Sie mir bitte:
Wer sind „SIE“ ?
Verste­hen Sie meine Not, seid Jahren schon plagt mich die Ahnung, dass da draußen im All mehr sein könnte, als z.B. jede Menge Weltraum­schrott,  aber nachdem nun gestern auch noch mein selbst­ge­mach­tes Kartof­fel­pür­ree in eine äusserst schlei­mige Konsis­tenz mutierte, sich weder durch würzen noch wärmen davon abhal­ten liess, zähflüs­sig über den Rand des Tellers zu schwap­pen und immer wieder zu blubben anfing, ja, da überkam mich die Ahnung, dass dies mehr Hinter­gründe haben könne, als nur die nicht pürree-tauglichen Eigen­schaf­ten von festko­chen­den Kartof­feln.
Also Herr Torsten, wenn Sie ein verschlüs­sel­tes Zeichen geben können, dann verra­ten Sie mir diskret, wer „SIE“ sind. Sie verste­hen, meine Irrita­tion in der heuti­gen Zeit, früher hatten die Aliens noch anstän­dige Reisszähne- und ledig­lich der Spinat hat geblubbt !

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13 Torsten Juli 26, 2009 um 10:14 Uhr

Hm, zermansch­ter Kartof­fel­brei, das klingt ganz nach IHNEN. Hatten Sie, verehrte Frau Gnomo­rella, in letzter Zeit Post aus Biele­feld? Begeg­net Ihnen in letzter Zeit häufi­ger die Zahl 23? Schwin­del, Kopfschmerz, der Käse im Kühlschrank vergam­melt? Hmmmm, dann sind SIE jetzt vermut­lich auch hinter Ihnen her. Das schreit nach einem ausführ­li­chen Essay. Bald.

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