Ein Nachmittag im Tempel der Glückseligen

by Gunnar Roß on 2. September 2009 · 9 comments

in Kraut und Rüben, Politik

Sehr geehrte Bankdirektorinnen, liebe Forstwirte, erzürnte Barpianisten, sehr geehrte Leserinnen und Leser,

mein Name ist Gunnar Roß und ich habe eine Scheibe. Sie liegt bei mir im Keller, ich habe sie mir am 26. Mai 1980 von meinem Klassenkamerad Fred Bertelsmann abgeschnitten. Meine Großmutter sagte nämlich in erwähntem Mai 1980, daß Fred Bertelsmann eine unfaßbare Ausgeburt an Freundlichkeit wäre, und ich mir von ihm mal eine Scheibe abschneiden könne. Ich tat wie mir geheißen. Seit jenem luftigen Frühsommertag gammelt die Scheibe Bertelsmann in meinem Keller vor sich hin. Eigentlich tat die Scheibe gar nicht not, da ich nach absolut objektiver Betrachtung von Geburt an ein mustergültiges Exemplar der Spezies Humanus Netticus bin. Meistens.

Oft helfe ich alten und gebrechlichen Mütterlein über die Bundesstraße, verteile zu Pfingsten Rosen in der Innenstadt und trenne meinen Müll. Manchmal jedoch kann ich auch anders. Dann bin ich z. B. schlechtgelaunt, schimpfe wie ein Rohrspatz oder schieße mit Schnellfeuerwaffen. Das ist aber eher die Ausnahme, da ich mir der strafrechtlichen Relevanz meines Tuns recht schnell bewußt werde und Ärger mit der Exekutive um fast jeden Preis vermeiden möchte.

So auch am gestrigen Dienstag. Ich war gerade auf dem Weg in die Innenstadt, um bei Schlecker ein wenig Katzenstreu für meinen sibirischen Schakal zu kaufen. Um welche Innenstadt es sich handelt, spielt dabei keine Rolle. Zum einen möchte ich Nachstellungen Stalking-interessierter Zufallsvorbeileser unbedingt vermeiden, zum anderen sieht jede Innenstadt mittlerweile ohnehin absolut identisch aus. Wo der Mensch zur Individualisierung bis zum Erbrechen neigt, neigt die Innenstadt zur bedingungslosen Gleichausseherei. Hier ein Rossmann, da ein H&M. Gegenüber McDoof, Deichmann und McFit.

Damit der interessierte Geldausgeber nicht allzuweit laufen muß, tendiert man neuerdings dazu, sämtliche Einzelhandelsfachgeschäfte in einem einzigen Glas-, Chrom- und Protzbau unterzubringen. Das nennt sich dann meist irgendwas mit -Center oder -Galerie und sieht ebenfalls immer identisch aus: Im Erdgeschoß gibt es Oasen der Erholung, wo man ausruhen aber nicht rauchen darf sowie eine Filiale von NanuNana, einen Nordsee-Fischimbiß, den New Yorker und ein Kleingeld-Klo.  Nach oben führen fast immer Rolltreppen, und oben angekommen kann man den Blick durch vollverglaste Geländer gleich wieder nach unten schweifen lassen. In der oberen Etage verbirgt sich meist auch ein Café oder eine Mokka-Milch-Eisbar. Die ist meist in der Mitte, dort wo zwangsläufig die meisten Passanten vorbeikommen, so daß man während des Eisgenusses ordentlich starren, beobachten und glotzen kann.

Was kaum jemand weiß, mir aber aus verlässlicher Quelle zugetragen wurde: Diese Einkaufstempel sind autarke Feudalstaaten innerhalb des Territoriums der Bundesrepublik Deutschland. Es gibt einen eigenen Sicherheitsdienst, eine Notfall-Ambulanz, Fernsehen und Lebensmittel im Überfluß. Geldautomaten sind vorhanden, Schuhfachgeschäfte und Drogerien machen das Glück perfekt. Wahrscheinlich gibt es auch einen eigenen König, aber da bin ich nicht hundertprozentig sicher.

Jede Nacht tauschen SIE die Luft in den Einkaufsmolochen (Ist das der korrekte Plural von Moloch?) komplett aus. Riesige, in den Fußböden versteckte Ventilatoren blasen die verbrauchte Luft in Richtung Glaskuppel, wo sie von gigantischen intergalaktischen Staubsaugern abgesaugt wird.  Die verbrauchte Luft wird nach Afrika exportiert, dort ist man mit unserem abgelegten Krempel ja noch ganz glücklich. Im Gegenzug wird neue Luft eingefüllt. Diese ist mit Kaufolinoxid und LSD angereichert. Das erklärt den Kopfschmerz am Tag nach dem Kaufrausch und selbigen an sich. Vom Kaufolinoxid angetörnt, schaltet der Verstand auf Ecomodus und die Finger greifen wie von selbst in das Portmo Portn Port die Geldbörse um den hartverdienten Zaster wie von Sinnen von sich zu schleudern.

Es soll Menschen geben, die schaffen es tatsächlich mehrere Stunden in diesen Höllen der Frevelhaftigkeit zuzubringen. Mir jedenfalls wurde das ganze Ramba-Zamba dort rasch zuviel. Eigentlich hatte ich es geahnt, ich bin einfach nicht für diese Art von Verlustierungen geschaffen. Ich bin ein Landei, ein Bördebube, ein einfaches Geschöpf von Gottes Acker der Gerechten. Außerdem wartete Edgar (mein Schakal) ja bereits zuhause mit seiner Notdurft auf mich und benötigte dazu dringend die zu beschaffende Katzenstreu.

Ich betrat also schlußendlich den Schlecker-Markt um zur Tat zu schreiten. Die gnadenlos unterbezahlte Drogeriemarktfachangestellte gab sich redlich Mühe mich freundlichst zu bedienen, aber der halbstündige Aufenthalt in Schöneneuewelt und meine Kaufolinoxid-Allergie hatten mein empfindsames Gemüt bereits zum Kochen gebracht. Nur noch stammelnd und wirr hörte ich zusammenhangslose Worte wie phonetische Bauklötze aus meinem Mund fallen: Edgar, Katze! Katze Tatze! Streu wie Heu! Sibirien! Gulag! Tundra, Taiga, Hoppsasa! Balalaika! Ihr kotzt mich alle an! Kaufen, Kaufen, Kaufen! Schakal brutal total Kanal!

Die Verkäuferin rief – am Tag danach rufe ich: Völlig zu Recht! – den Sicherheitsdienst und der warf mich aus dem Gebäude. Die frische Luft tat mir gut.

Ich habe gelernt: Die wohlerzogenste Freundlichkeit und selbst die beste Scheibe Bertelsmann nützt nichts, wenn man auf Deibel-komm-raus seinen eigenen und zusätzlich den äußeren negativen Vibrations erliegt. Entschuldige, Oma, ich habe alles versucht. Ehrlich.

Bis zur nächsten Nachricht! Pro Mindestlohn jetzt! Angela abwählen!
Kein Fußbreit den Vollidioten!

Ihr Kämpfer für die gute Sache
Gunnar Roß


{ 9 comments… read them below or add one }

1 Gnomorella September 2, 2009 um 10:30

Werter Herr Roß,
zunächst einmal meine Glückwunsch für diesen stilistisch sehr gelungenen Artikel- auch wenn ich mein Köpfchen immer ein wenig anstrengen muss, um ihren Gedankensprüngen zu folgen, ohne dabei den roten Faden zu verlieren. Ein bißchen Anstrengung soll jedoch nicht verkehrt sein, somit Respekt Respekt.
Insbesondere die Einleitung mit der Gammelscheibe Bertelsmann, sowie das Sujet über intergallaktische Staubsauger, mit denen SIE die verseuchte Luft umleiten, haben mich hochgradig amüsiert.
Ich möchte nun Ihren Ausführungen noch einen kleinen Gedanken anfügen. Ich persönlich glaube ja, dass es nicht nur die LSD und Kaufolinoxid bereicherte Luft ist, die den Konsumenten heutzutage seine Forderungen in einem aggressiven Unterton hervorbringen lässt. Nein, abgesehen von der beständigen Reizüberflutung in eben solchen Centren und Galerien, kommt meiner Meinung nach dem auf Freundlichkeit getrimmten Verhalten der dort angestellten Mitarbeiter ebenfalls eine besondere Rolle zu.
Man verstehe mich nicht falsch, ich habe nichts gegen freundliche Menschen, aber im Konsumgeschäft scheint mir Freundlichkeit mittlerweile als ein Beziehungsersatzpräparat angepriesen. Und wie schön, wenn man sich darauf verlassen kann, dass die Kassiererin bei H&M im Münsterland mindestens genauso hip und nett ist, wie das Gegenstück im Bördeland. Ist es nicht gut zu wissen, dass wir überall auf der Welt willkommen sind, solang wir nur bereit sind unseren Geldbeutel zu zücken ?? Ja, ja, die Welt steht uns offen, das freie, tolle Konsumzauberland, und keiner stört uns, denn alle, die über keinen Geldbeutel- oder ein etwas markanteres Verhalten, wie in ihrem Fall- verfügen, die schickt man direkt raus. Wahrscheinlich werden sie auch über intergalaktische Staubsauger in Entwicklungsländer exportiert, wer weiß ??
Also: Auf nach Afrika- da wo sowohl die Luft als auch die Menschen noch richtig muffig sein können !!
Mit Hochachtung,
Fräulein Gnomorella

Antworten

2 Vero September 2, 2009 um 11:41

> Das nennt sich dann meist irgend­was mit –Cen­ter oder –Gale­rie…
Du hast die „Arkaden“ vergessen! 😉
Aber an dieser Stelle wirklich mal großes Kompliment für diesen (eigentlich traurigen, aber dennoch äußerst amüsanten) Bericht! Genau DAS wollte ich auch schon seit Ewigkeiten in meinem Blog thematisieren, weil es mich echt fertig macht, aber nun biste mir zuvorgekommen, und stilistisch ist das echt nicht mehr zu toppen! Danke für dieses herrliche Stück Zeitkritik! 🙂

Antworten

3 jule wäscht sich nie September 2, 2009 um 13:38

Es sind die Moloche..nicht zu verwechseln mit den Molchen..ein „O“ weg und schon ein anderes Wort..Deutsch ist super.

Antworten

4 Schatten September 2, 2009 um 16:07

*kichert* still und wirr vor sich
schönen
dank
auch
😈

Antworten

5 Jens Henschel September 2, 2009 um 18:05

Ein feiner Beitrag, ein wirklich feiner Beitrag … ja so ein Feiner!! So ein Feiner! *hechel*
😉

Antworten

6 jule wäscht sich nie September 2, 2009 um 19:11

Ich hab auch die Huldigung für dieses exorbitante Wirrwarrmeisterwerk vergessen..aber da ich dich ja nur so reden höre bei unseren konspirativen Gesprächen ist das so normal und völlig nachvollziehbar für mich…oder hat die Infiltrierung durch SIE schon begonnen? Hilfe….

Antworten

7 Gunnar Roß September 2, 2009 um 19:25

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

ich bedanke mich auf das absonderlichste für das ausgesprochene Lob, den Präsentkorb und die schönen Blumen. Es freut mich ganz außerordentlich, daß ich – was Einkaufsgelegenheiten und -örtlichkeiten angeht – zu Ihrer Aufklärung beitragen konnte. Meine Freude ist ganz besonders groß, da ich bereits glaubte, besonders die Leserinnen mit meinem Beitrag über Kurzhaarfrisuren ein wenig verschreckt zu haben.

Sehr geehrte Frau Gnomorella, was die Freundlichkeit als Mittel zum Zweck bzw. Attitüde zum Umsatzerfolg angeht; daran habe ich auch schon gedacht. Gelegentlich macht mir eine Verkäuferin schöne Augen, besonders wenn ich mein T-Shirt mit dem Aufdruck „Noch zu haben aber leicht merkwürdig“ trage. Vielleicht aber liegt das gar nicht an mir, sondern tatsächlich an den verabscheuungswürdigen Umsatzsteigerungsbemühungen der Frau hinter der Theke. Darüber muß ich nachdenken, danke für die Inspiration.

Verehrte Frau Vero, auch Ihnen meine wirrsten Dankesgrüße!

Ebenso natürlich an Herrn Schatten!

Herrn Jens Henschel möchte ich zurufen: Sitz!!! 😉

Sehr geehrte Frau Jule, auch Ihnen gebürt mein Dank! Sie als mein Bollwerk im äußersten Westen sind über die neuesten Trends in Sachen Einkaufen & Co. ja immer schon einige Tage, Wochen oder Monate vorher informiert. Somit ist ihre Funktion als Informantin für mich unentbehrlich und hochgeschätzt!

Ich grüße außerdem alle, die mich kennen und ganz besonders Petra Kusch-Lück vom Mitteldeutschen Rundfunk!

Mit freundlichen Grüßen,
Ihr Gunnar Roß

Antworten

8 jule wäscht sich nie September 3, 2009 um 22:47

Ja die Trends..die bringe ich dir auch nur damit wir sie gemeinsam mit einem aufblasbaren Gummihammer zerkloppen..den trägt man jetzt auch gerade im Westen als dezenten aber sehr kleidsamen Haarschmuck..sowohl Männer als auch Frauen. Nur damit sie den Trend auch in der Börde starten können. Long live the Gummihammer. Der ist auch wahnsinnig praktisch da man eventuellen Schwachmaten, Proleten, Nazis und Grabschern aus der Hüfte in nullkommanix eins auf die leere Rübe geben kann.
P:S: Lieber Gunnar, ich habe aus aktuellem Anlass meine Haare jetzt noch kürzer als eh schon. Sie sehen uns Frauen kann nix schrecken. Denn so frech wie die beschriebenen damen werd ich nie aussehen.

Antworten

9 Frau A. September 7, 2009 um 11:40

Chapeau! Feiner Beitrag mit sehr viel Wahrheit. Da bleibt keine Frage offen, man liest gespannt mit hochgestellten Nackenhaaren und hat unweigerlich diese ätzende Kaufparadiesbeschallmusik in den Ohren.
PS:  Ob Molochs oder Molochen, die Angestellten jedenfalls malochen für wenig Geld…

Antworten

Kommentar verfassen

Previous post:

Next post: