Mit 17 keine Träume mehr

von Torsten am 29. September 2009 · 14 comments

in Aufgelesen

Aus dem Magde­burger Stadt­ma­gazin „DATEs“: Die Kolumne des Monats Oktober. Soooo gut, daß ich mir die Mühe des Abtip­pens gemacht habe und außerdem sehr neidisch bin, sowas Gutes nicht selbst geschrieben zu haben:

In München erschlägt sie auf S-Bahnsteigen Menschen, in Ansbach läuft sie Amok, in Sachsen-Anahlt wählt sie zu 7% NPD - unsere Jugend ist einmal mehr ins Gerede gekommen. Die Verant­wort­li­chen schwanken bei der Ursachen­be­kämp­fung erneut zwischen einer Verschär­fung des Jugend­straf­rechts und einer Erhöhung der Polizei­prä­senz - und bei der Ursachen­for­schung zwischen dem Konsum medialer Gewalt­ex­zesse und der allge­meinen Perspek­tiv­lo­sig­keit. Gerade letztere freilich ist eine absolute Chimäre. Es möge doch bitte einer der Schwätzer, die dieses Gratis­ar­gu­ment perma­nent ins Feld führen, einmal eine deutsche Jugend benennen, die über eine bessere Perspek­tive verfügt hat! Es mag ja sein, daß die junge Genera­tion unmit­telbar nach der gewonnen Schlacht im Teuto­burger Wald, dem Einzug von Kaiser Wilhelm in Versailles oder dem Überfall auf Polen die Zukunft rosarot gesehen hat - aber dieser Perspek­tiv­rausch ist doch jeweils recht bald wieder verflogen.

Die heutige Jugend dagegen sieht sehr wohl eine Perspek­tive, auch wenn diese jeden Freigeist mit abgrund­tiefem Grausen erfüllt: Bei der bundes­weiten „U-18-Wahl“ ist in Sachsen-Anhalt die CDU zur stärksten Fraktion geworden. Die CDU! Das muß einen freilich nicht wundern, wenn man bedenkt, daß unsere Jugend reprä­sen­ta­tiven Umfragen zufolge feste Bindungen, sexuelle Treue und Absiche­rung als „sehr wichtig“ empfindet. Diese Genera­tion würde Abitur- und Hochzeits­feier am liebsten gleich zusam­men­legen und hat ihr Jugendweihe- oder Konfir­ma­ti­ons­geld wahrschein­lich längst in die Alters­vor­sorge inves­tiert. Diese Genera­tion protes­tiert nicht mehr, sondern unter­wirft sich willenlos dem Konsum­terror. Diese Genera­tion findet Sicher­heit wesent­lich wichtiger als Freiheit. Diese Genera­tion verschleu­dert ihr Taschen­geld nicht für käufliche Liebe, Musik und Drogen, sondern für lächer­liche Marken­kla­motten und Klingel­töne. Sex, Drugs & Rock’n’Roll liefern großar­tige Räusche, aus denen man freilich immer wieder erwacht - aus einem klägli­chen Klingel­ton­rausch erwacht niemand mehr.

Ich habe Angst vor dieser Jugend. Sie steht nun einmal für die Perspek­tive unserer Gesell­schaft - und wenn ich mir vorstelle, daß in diesen sinnlos simsenden Händen irgend­wann die Geschicke unseres Landes liegen werden, dann will ich, wenn es so weit ist, entweder im Grab oder in einer unter Palmen aufge­spannten Hänge­matte liegen. Und dann will ich mit einer üppigen Rente ausge­stattet sein und darum bin ich mit den Sonntags­reden unserer Politiker absolut nicht einver­standen: ich bin nämlich sehr wohl dafür, auf dem Rücken dieser Genera­tion weitere Schulden zu machen. Es können gar nicht genug sein. Bezahlen wir ihnen die Sicher­heit, nach der sie sich so sehr sehnen, und bringen uns vor allem selber in Sicher­heit. Sollen sie ächzen und stöhnen unter der Last dieses Schul­den­berges - das ist eine gerechte Strafe dafür, schon mit 17 CDU gewählt zu haben.

Ähnliche Artikel

{ 14 Kommentare… lies sie unten oder füge einen hinzu }

1 Roland September 29, 2009 um 11:32

AMEN! :twisted:

Antworten

2 jule wäscht sich nie September 29, 2009 um 13:04

ja der Herr Precht hat das gestern beim kultur­ma­gazin auch so ähnlich formu­liert. Alle gelang­weilt, keinen Grund mehr zum Wider­stand oder Zustände zu ändern, denn uns gehts doch gut. Es müssen erst katastro­phale Zustände ausbre­chen bevor sich irgend­je­mand bewegt. Und davon sind wir ja meilen­weit entfernt. Politiker können doch heute, wenn mans genau nimmt auch irgendwie gar nix mehr bewegen. Sie tun einfach so als könnten sie es aber insge­heim wissen wir alle dass es weder Volks­par­teien noch Opposi­tion mehr gibt und dass eben jeder schaut wo er selber bleibt.

Antworten

3 Schatten September 29, 2009 um 16:44

naja ich finde den artikel etwas sehr populis­tisch … es gibt nicht ‘die’ jugend … es ist genauso wieder ein teil der so denkt und wenn  wir anfangen so zu denken, dann muss unsere genera­tion sich ihr politik­ver­dros­sen­heit von den alten vorwerfen lassen, keiner will aktive politik machen, keiner will sich einspannen, verbiegen lassen, wir bekommen viel zu spät kinder etc etc … mehr diffe­ren­zie­rung taete dem artikel meiner meinung nach gut … (nichts desto­trotz ist cdu fürn arsch :) )

Antworten

4 Torsten September 29, 2009 um 17:01

@ alle: Ich find Polemik und Populismus toll, aber nur solange, wie sie in mein Konzept passen. :lol: Natür­lich ist der Text polemisch, aber das macht ja irgendwie auch den Reiz aus.

Antworten

5 Vero Oktober 3, 2009 um 20:15

Ich musste wirklich sehr über den Artikel schmun­zeln… und ich find’ Polemik auch toll! :mrgreen: Wollte aller­dings ebenso anmerken: Meine Genera­tion war da fast noch schlimmer als die jetzige Jugend – wir haben Beverly Hills 90210 geguckt, sind jedes Jahr nach Mallorca geflogen, haben Euro-Dance gehört und Boygroups angehim­melt. Ganz ehrlich – sinnvoll war das alles nicht… und trotzdem sind irgendwie irgend­wann noch Menschen aus uns geworden, die über den Teller­rand hinaus gucken (also aus mir jeden­falls). Ich wäre da also etwas optimis­ti­scher – auch die jetzige Jugend wird sich in ein paar Jahren dafür schämen, dass ihnen Klingel­töne und Marken­kla­motten (diesen Trend gab’s bei uns übrigens auch schon!) wichtiger waren als politi­sche Verant­wor­tung zu übernehmen. Und davon abgesehen würden doch die meisten 17-20jährigen eh die Partei wählen, die ihre Eltern wählen. Kein Wunder also, dass die CDU da so gut abschneidet…

Antworten

6 Torsten Oktober 3, 2009 um 20:21

Da muß ich wider­spre­chen, Vero. Die heutige Jugend wird sich nicht für Klingel­töne, Playboy-Klamotten und ihre Doofheit schämen. Ganz im Gegen­teil: Die Dummheit wird sich irgend­wann etabliert haben und eine intel­lek­tu­elle Gegen­kultur nur noch in einer Paral­lel­welt existieren. Die Spaßge­sell­schaft hat doch schon gewonnen; und wenn die Verehrer und Vertreter derselben irgend­wann die Geschicke dieses Landes übernehmen, möchte ich bitte in oben erwähnter Hänge­matte liegen.

Hattest Du im Alter von 17 bis 20 Jahren den dringenden Wunsch, es Deinen Eltern nachzutun? Dann muß in Deiner Jugend etwas “falsch” gelaufen sein. ;-) Jugend ist Opposi­tion, leider opponiert sie heute oft in die “falsche” Richtung. Jugend ist Abgren­zung, Sinnsuche, Rebel­lion und Verwir­rung. Genau deshalb ist der Wahlsieg der CDU bei den unter 18-Jährigen eigent­lich unfaßbar.

Oppa regt sich jetzt wieder ab… ;-)

Antworten

7 Vero Oktober 3, 2009 um 21:28

Also meine Eltern wählten SPD und grün, und ich würde mal stark behaupten, dass ich mich davon bei meiner ersten Wahl beein­flussen ließ. Was politi­sche Themen betrifft, habe ich mich sehr wohl sehr stark von meinen Eltern beein­flussen lassen, als ich 17 und 18 war. Jetzt sieht das ein bisschen anders aus… ;-)
Was “Jugend ist Opposi­tion” betrifft – klar, ich habe auch “opponiert”. Glaubst du, meine Mama fand es lustig, dass ich diese Bummbummbumm-Musik gehört habe? Trotzdem höre ich die heute nur noch aus Nostal­gie­gründen und bevor­zuge im Allge­meinen weniger sinnfreie Musik! :mrgreen: Und ich trage auch keine Marken-Klamotten mehr, nur weil da ganz groß der Name drauf steht. Wenn überhaupt, dann muss mir das Teil schon sehr gut stehen… :smile:
Ich glaube, bei mir hat die “Sinnsuche” erst zwischen Abi und Studium angefangen. Es gibt also noch Hoffnung für unsere Kids und unsere Zukunft! Glaub mir – das mit den Genera­tionen ist doch ein ewiger Kreis­lauf. Es kommt auch wieder eine kriti­schere, da bin ich mir ganz, ganz sicher! :lol:

PS: Bzw. wird die jetzt unkri­ti­sche bestimmt auch noch etwas kritischer…

Antworten

8 Gnomorella Oktober 5, 2009 um 11:09

*räusper*….wenn ich auch noch meinen kleinen, sozio­lo­gi­schen Finger­zeig aufführen darf.
Da werden der Jugend doch zwei Dinge unter­stellt: der Hang zur Spaßge­sell­schaft und Sinnfreiheit- und die Suche nach Sicher­heit.
Ich würde mal behaupten: die Jugend kann für beides nix!
“Die Jugend” sofern es sie denn als homogene Masse gibt, sucht sich immer noch Vorbilder. Die Vorbilder die gelie­fert werden sind in der homogenen Vorbild­masse meistens solche Leute wie Dieter Bohlen oder Paris Hilton- also wundert Euch nicht. Und ich würde Vero insofern zustimmen, dass die Phase, in der man als Jugend­li­cher in der Lage ist, sich ein Stück weit vom homogenen Mob abzusetzen, wahrschein­lich erst mit 17-18 beginnt. Es sei denn, man hat sich schon im Vorfeld dem Protest verschrieben.
Da wären wir bei Thema 2. Meine Jugend­ge­ne­ra­tion hatte noch so einen Rest von Spies­sig­keit in der Eltern Genera­tion, gegen den es sich durchaus zu prostes­tieren lohnte. Die heutige Genera­tion hat Eltern, die entweder vorleben, dass man den Tag durchaus auch mit dem Konsum von Verkaufs­sen­dungen totschlagen kann, oder Eltern, die in wilder Ehe, Patch­work­fa­mi­lien und Allein­er­zie­hend leben. Eltern, die nicht 50 Jahre im selben Betrieb arbeiten werden, sondern die vielleicht mal ganz froh wären, wenn sie über 2 Jahre die gleiche Stelle halten würden. Die heutige Genera­tion wächst mit soviel mögli­chen Lebens­ent­würfen und Stilen, und soviel Entschei­dungs­frei­heit auf, dass es mich überhaupt nicht wundert, dass sie gern ein bißchen Sicher­heit hätten. Ich stelle dabei durchaus in Frage, ob CDU wählen, dazu ein geeig­netes Mittel ist. Aber seid getrost und beruhigt. Jede Genera­tion produ­ziert eine Gegen­be­we­gung. Spätes­tens 2030 werden die Kids wieder hübsch anarchisch sein ;-)

Antworten

9 Schatten Oktober 5, 2009 um 14:50

mhm vielleicht sind wir dann ja die spiesser :P

Antworten

10 Torsten Oktober 6, 2009 um 18:07

@ Vero & Gnomo: Danke für eure langen Beiträge die mich irgendwie ein bißchen ratlos zurück­lassen. Außer der Hoffnung auf 2030 (dann mit mir als Spießer) bleibt mir noch die Hoffnung auf einen gnaden­losen Irrtum meiner­seits. Bis dahin geh ich aber weiter meine Vorur­teile pflegen… ;-)

Antworten

11 Gnomorella Oktober 7, 2009 um 21:33

…..wiiiiiirrrr sind 2030 natür­lich nicht die Spiesser- wir haben dann so etwa den Status wie die coolen Alt 68er heute….hm- hoffentlich….,-)

Antworten

12 Torsten Oktober 8, 2009 um 07:18

… ich dachte gerade *die* wären nach neuesten Erhebungen an allem schuld?! ;-)

Antworten

13 Gnomorella Oktober 9, 2009 um 11:30

“die”…..SIE…..stecken sie etwa alle unter einer Decke….völlig neue Erkennt­nisse ( vielleicht lebt Elvis ja doch noch, und steuert mit Michael Jackson den kultu­rellen Niedergang…..hmmmm….)

Antworten

14 Torsten Oktober 9, 2009 um 11:33

Ach was, wirklich schuld ist nur Kai Diekmann!

Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

Vorheriger Beitrag:

Nächster Beitrag: