Wie ich den Mauerfall verschlief und erst mit mehrtägiger Verspätung in Niedersachsen eintraf

by Gunnar Roß on 1. November 2009 · 10 comments

in Kraut und Rüben, Politik

Sehr geehrte Lesezirkel-Abonnenten,

mein Name ist Gunnar Roß und ich habe große Teile der Welt­ge­schichte verschlafen. Warum, weshalb und wieso, das möchte ich Ihnen gern in meinem heutigen Beitrag erklären. Vorher möchte ich noch darauf hinweisen, daß dieser Text erst­mals mit Fußnoten versehen ist. Klicken Sie dazu nun bitte test­weise auf die kleine [1]

Am frühen Morgen des 10. November 1989 schwang ich mich ebenso lust– wie stil­voll auf mein Klein­kraftrad vom Typ Simson S51 elec­tronic [2] , um zum Früh­dienst im Werk II eines hier nicht näher zu bezeich­nenden Kombi­nats zu düsen. Es handelte sich nicht um ein Atom­kraft­werk, soviel sei verraten. Ich heizte also über die Bundes­straße 71, deren Verkehrs­auf­kommen damals mit dem heutigen nicht zu verglei­chen ist. [3] Ich war King of the Road, frei wie der Wind, und bereits um ca. 5.30 Uhr verdammt gut gelaunt. Pünkt­lich gegen 6.00 Uhr traf ich an meinem Kombi­nats­sitz ein. Ich durch­schritt entschlossen der Flure übermäch­tiger Zahl und begab mich in einen Raum, den man damals nur mit sehr viel gutem Willen Büro schimpfen konnte. Mit heutigen Büro­maß­stäben nicht mehr zu verglei­chen, würde man dennoch einen Vergleich wagen, könnte man wieder oben beim Thema Verkehr weiter­lesen. Die Zeiten sind eben andere und die Maßstäbe sowieso, und was zu jener Zeit schon schlecht war, wird auch in einer nost­al­gi­schen Verklä­rung nicht besser. Doch zurück zum Thema: Ich traf also im Büro ein und mußte fest­stellen, daß ich allein war. Mutter­see­len­al­lein. Kein Mensch da. Niemand außer mir. Ich dachte nach, ob es viel­leicht möglich wäre, daß ich den Tag verwech­selt hätte? Hatten wir even­tuell Sonn­abend und ich wäre viel­leicht völlig umsonst losge­heizt? Nein, es mußte stimmen: Wir schrieben Freitag, den 10. November 1989. Ich hatte mich nicht vertan, soviel war sicher.

Dennoch schien mir die beinahe komplette Abwe­sen­heit der Beleg­schaft rätsel­haft. Ich schrak aus meinen Gedanken, als das Wand­te­lefon plötz­lich sehr heftig vor sich hin bimmelte. Nicht elek­tro­nisch und dezent wie heut­zu­tage, nein mecha­nisch, wild und zu allem entschlossen. PLÄRR! PLÄRR! PLÄRR! so schep­perte der muse­ums­reife Apparat. Ich nahm den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung eine Kollegin, die mich bat, dem Chef folgendes auszu­richten: „Ich komme heute nicht zur Arbeit, ich fahre nach Helm­stedt!“. In Ordnung, so dachte ich mir, das richte ich natür­lich aus. Zwei Minuten später die nächste Kollegin, der nächste Anruf. Auch sie käme heute nicht zur Arbeit, da sie eben­falls „auf dem Weg nach Helm­stedt“ sei. Toll, dachte ich mir, dieses Helm­stedt muß ja ein ganz zauber­hafter Ort sein, wenn da alle so am Frei­tag­morgen mal eben rasch hinfahren. Aber HALT!, Helm­stedt?! Helm­stedt?! Helm­stedt?! War da nicht irgendwas, bzw. war das nicht irgendwo anders, dieses Helm­stedt?! Lag das nicht im Westen? Also hinter der Grenze? Auf der anderen Seite der Mauer? Im Westen? Im WESTEN? Im W-E-S-T-E-N???

Ich mußte nach­denken. Irgend­etwas konnte hier nicht stimmen. War ich Opfer eines kapi­talen Strei­ches geworden oder sind über Nacht alle meine Kolle­ginnen und Kollegen in den Westen ausge­reist? Ich blieb jeden­falls den Rest des Vormit­tags allein im Büro, ohne Radio und ohne jede Verbin­dung zur Außen­welt. Irgend­je­mand muß mir dann im Laufe des Tages verkli­ckert haben, daß Genosse Günther Scha­bowski am Abend zuvor eher unab­sicht­lich die Mauer geöffnet hatte. Leider erreichte mich diese Infor­ma­tion erst einige Stunden später. Auf meinem abge­schie­denen Kuhdorf gab es keine beson­dere Verbin­dung zur Außen­welt, der einzig heiße Draht war der der „Aktu­ellen Kamera“, die ich jedoch aufgrund des bräsigen Sing­sangs und der akuten Inhalts­armut nur äußerst selten einschal­tete. Das Internet war noch nicht erfunden bzw. verfügbar und außerdem hatte ich gar keinen Computer. [4] Die Pres­se­kon­fe­renz vom Genossen Scha­bowski jeden­falls wurde live im DDR-Fernsehen übertragen, ich aber sah sie nicht und ging dann später schlafen. So kann’s gehen: Da hab ich schon mal ein Stück Welt­ge­schichte quasi vor der Kuhstalltür, und was passiert? Ich verschlafe und lasse sie achtlos vorbei­ziehen. Ein Trauerspiel.

Die Zeit zog nun also auch mit geöff­neter Mauer weiter ins Land. In den Tagen nach dem 9. November bröckelte zusätz­lich zur Berliner Mauer auch die inner­deut­sche Grenze. Meine gnädige Frau Mutter und mein gnädiger Herr Vater weilten zum Zeit­punkt des Mauer­falls in der dama­ligen ČSSR. Sie hatten für eine Urlaubs­reise nach langem hin und her tatsäch­lich zwei Visa bekommen und vergnügten sich im schönen Böhmer­wald bei Blas­musik und Knödeln.

Einige Tage später, es muß so um den 11./12. November gewesen sein, schellte das heimi­sche Telefon. Meine Familie hatte eine drei­stel­lige Nummer, ich verrate sie sogar, es war die 3, die 5 und die 8. Aber in einer anderen Reihen­folge. Drei­stel­lige Nummern, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen! Bei der Viel­zahl der Teil­nehmer [sic!] heut­zu­tage, würde man unter einer drei­stel­ligen Nummer gar niemanden mehr errei­chen, außer viel­leicht die Polizei, die Feuer­wehr oder die SMH [5] . Bei denen würde es dann immer klin­geln, was schlecht wäre. Man verlöre im Notfall wert­volle Zeit und außerdem würde Chaos herr­schen. Chaos finde ich nicht gut, ich finde Ordnung besser. Jeden­falls schellte das Telefon und ich ging ran. Tada, die liebe West­ver­wandt­schaft! Die schwatz­hafte Schwipp­schwä­gerin der Schwie­ger­cou­sine meiner schwä­bi­schen Schwie­ger­tochter oder sowas in die Rich­tung. Aber nicht ganz so weit weg. Sondern näher dran. So nah nun aber auch wieder nicht, immerhin sind meine Eltern Einzelkinder.

Jetzt hab ich den Faden verloren, nochmal von vorn: Bimmel­bimmel. Telefon. West­ver­wandt­schaft. „Wo bleibt ihr denn? Die Grenzen sind offen! Kommt ihr uns nicht besu­chen???“. Mutti und Vati [6] sind nicht da, sprach ich. Ich habe leider weder PKW noch den dazu­ge­hö­rigen Führer­schein, ihr müßt euch also noch ein paar Tage gedulden.

Am 17. November 1989 war es dann soweit. Meine gnädige Frau Mutter und mein gnädiger Herr Vater waren inzwi­schen wieder aus der Tsche­cho­slo­wakei einge­troffen. Sie stiegen in ihren Trabant [7] , luden den kleinen Gunnar und seine Schwester Luise ein, und fuhren mit Vollgas bzw. der Geschwin­dig­keit, die man damals dafür hielt, auf die Auto­bahn 2 in Rich­tung Marienborn/Helmstedt. So richtig konnten wir es gar nicht glauben, als die mürri­schen Grenzer einen Stempel in den blauen DDR-Personalausweis drückten: Irgendwas mit Visum muß da gestanden haben, mein Ausweis ist leider über die Jahre abhanden gekommen. Kaum hatten wir die Grenze passiert, da leuch­tete der goldene Westen schon in seiner ganzen Pracht: Alles war unfaßbar bunt, alles roch unglaub­lich gut und neu und kaum hatten wir auf der Suche nach dem rich­tigen Weg am Stra­ßen­rand gehalten, schon hielten Passanten an und fragten uns in unge­spielter Höflich­keit, ob und wie sie uns denn weiter­helfen könnten. Das taten sie dann auch, indem sie uns den Weg wiesen. Keine Stunde später waren wir auch schon da — was im Sommer 1989 noch in einer anderen Welt lag, war nun gerade mal 40 km Luft­linie entfernt…


So und nicht anders ist es passiert, liebe Lese­rinnen und Leser! Im nächsten Teil dieser haar­sträu­benden Mini-Serie berichte ich Ihnen dann u. a. was es zu essen gab, warum ich vom goldenen Westen nicht ganz so begeis­tert war, wie ich im Winter ’89 mal vor einer Kreuz­berger Wagen­burg stand, warum wir Waffen nach El Salvador schafften … und andere wegwei­sende Erkennt­nisse und Bege­ben­heiten aus dem Leben eines Forstingenieurs!

Bis dahin Genossen und ein drei­fa­ches Hossa! auf ein Leben in Frei­heit und Selbst­be­stim­mung! [8]
Euer Gunnar Roß

P.S. Liebe west­deut­sche Lese­rinnen und Leser! Aufge­schreckt durch eine Wort­mel­dung vom Genossen Marcus W. aus Süddeutsch­land, welcher sich nicht erin­nern konnte, was er am 9. November 1989 so getrieben hat, stellt sich mir die Frage: Welche Bedeu­tung hat dieser Tag eigent­lich für euch? Und warum wollen soviele von euch diese beschis­sene doofe Mauer wieder haben?

  1. Das haben Sie ganz prima gemacht! Sie können jetzt einfach auf das kleine Häck­chen am Ende der jewei­ligen Fußnote klicken und gelangen prompt an Ihre wohl­ver­traute Lese­stelle zurück. Tolles Ding, diese schöne neue Welt! []
  2. In dunkel­grün, der Farbe der Gewinner! []
  3. Würde man dennoch einen Vergleich wagen, könnte man fest­stellen, daß heut­zu­tage ein Viel­fa­ches an Verkehrs­ge­schehen vorhanden ist. Damals jedoch gehörte die Straße mir beinahe ganz allein. []
  4. Ich hatte auch kein Handy, kein Auto, keine wirk­lich schöne Jacke und keinen Durch­blick; aber das ist ein komplett anderes Thema. []
  5. Schnelle Medi­zi­ni­sche Hilfe []
  6. Jaja, „Mutti“ und „Vati“, so sagte man damals. Heute sagt man Mama und Papa, oder was sagen Sie eigent­lich heute zu Ihren gnädigen Eltern? []
  7. Cham­pa­gner­beige mit ocker­far­benem Dach — Duocolor!!! []
  8. Auch wenn viele gar nicht selbst bestimmen können. Oder wollen. Aber das ist schon wieder ein ganz anderes Thema… []

Ähnliche Akten aus dem Keller der Behörde:

{ 10 comments… read them below or add one }

1 jule wäscht sich nie 1. November 2009 um 10:20

Ausge­zeichnet! Was Sie nicht noch alles so wissen. Und sehr schön auch der Bezug zum Leser in Form der am Ende gestellten Frage.

2 Schatten 1. November 2009 um 10:31

Mein lieber Gunnar,
da haben sie aber einen wunderbar prosai­schen Text aus dem weit geöff­neten Hemds­ärmel gezau­bert. So viel Mühe wie sie sich gegeben haben, da kann ich wirk­lich nur mit meinen Bild­chen gegen­stän­kern, denn wort­ge­wandt wie sind lasse ich mich auf kein Wort­duell ein :)
Zur formu­lierten End-Frage ;)  muss ich aber sagen, dass ein nicht unbe­trächt­li­cher Teil des ehemals abge­schlos­senen Ostlandes sich eben­falls die Mauer wieder­wünscht, natür­lich aus bunten West­zeit­schriften zusam­men­ge­setzt, damit man nicht mehr sehen muss, dass es doch nur ein Beton­käfig ist …
Herz­lichste Grüße vom Schatten :)

3 Alex 1. November 2009 um 14:10

Ich, als Tech­nik­fre­aque, finde ja die Fuss­noten ganz nett. Vor allem, man muss nicht mal drauf­kli­cken. Mauß­eiger drauf und der Text erscheint. Schön. Ich glaub, ich war damals auch zu erst in Helm­stedt und dann weiter nach WF.

4 Marcus 1. November 2009 um 19:46

Wer ist dieser Typ aus Süddeutsch­land, los ich will seinen Namen und Adresse! :mrgreen:

5 jule wäscht sich nie 1. November 2009 um 20:27

Der kriegt auffe Fresse! Morgen um zwölfe hinterm Aldi. Wenn du ein mann bist stehste da.

6 Marcus 2. November 2009 um 08:57

Ja, brech ihm beide Beine!!!
:mrgreen:

7 Gunnar Roß 2. November 2009 um 09:44

@ Schatten & Alex: Vielen Dank für die lobende Erwäh­nung, Herr Schatten. Natür­lich wollen auch Ostdeut­sche die Mauer zurück, aber wie ich jüngst lesen mußte, ist der Anteil der West­deut­schen die sich nach dem Bauwerk sehnen, deut­lich höher als der der Ostdeut­schen. Vermut­lich haben die West­deut­schen die Nase voll von „uns“ und mich würde inter­es­sieren, warum das so ist.

@ Herrn Marcus und Frau Jule: Ich frag mal den Haus­meister, ob er eine Chat­funk­tion einrichtet. Bis dahin freut er sich sicher­lich zusammen mit euch über themen­be­zo­gene Kommen­tare. ;-)

8 jule wäscht sich nie 2. November 2009 um 14:53

Oh, eine Rüge vom Gunnar..ich hab schon verstanden. Also ich werde eine Umfrage auf der Arbeit starten aber ich denke das Problem bei denen ist die kennen nur mich als Zoni und sind viel­leicht auch zu jung. Jeden­falls zählen sie mir immer auf in welchen ostdeut­schen Städten sie even­tuell schon waren. Einde davon war auch das gute alte Lübeck..naja viel­leicht frag ich lieber doch nicht:) und wenn dann nur in säch­si­schem Dialekt, denn das ist die einzige Asso­zia­tion, die jedesmal kommt.

9 Gnomorella 3. November 2009 um 09:47

Werter Herr Roß,
erneut ein Kompli­ment für Ihren wirk­lich sehr unter­halt­samen Text.
Ich will mich kurz halten mit der Darstel­lung der west­li­chen Wahr­neh­mung, ich kann mich inso­fern daran erin­nern, dass wir unheim­lich viel und gierig und aufge­regt vor der Glotze hockten, und daß viele Menschen es kaum begreifen konnten, und speziell ich oft Angst hatte, das gleich irgendein poli­ti­scher Depp Mist baut, und dann ist der Traum aus, so schnell wie er gekommen ist.
Und ich kann mich auch erin­nern, dass wir mit einem Bus voller Klos­ter­schüler die ehema­lige Grenze passierten, und zuge­ge­bener Massen durchaus einige Vorur­teile über Hinter­wäld­lertum im Gepäck hatten, aber daß die Begeg­nung mit einem evan­ge­li­schen Pfarrer und seinen Schüler letzt­end­lich nur den Schluss zuliess, dass die irgendwie auch nicht wesent­lich anders waren als wir.
Seit dem bin ich noch nicht oft jenseits der ehema­ligen Grenze gewesen. Einmal in Dresden und Leipzig, dieses Jahr im Raum Meck­len­burg. Das Gefühl von Fremd­heit daß sich dabei einstellt, ist unge­fähr so, wie jenes, wenn ich RayFine besu­chen fahr, und mich dabei mit süddeut­schen Sitten ausein­ander setzen muß. Ich glaube schlu­ßend­lich, ist es wohl so, daß einem manche Regionen einfach sympa­thi­scher sind, als andere. Aber das lässt sich nicht an Ost und West fest machen.
Wenn ich Eure Insider Kommen­tare so verfolge, dann scheint ab und an wohl doch etwas ambi­va­lente nost­al­gi­sche Wehmut aufzu­kommen, nach Dingen die es damals gab, und die dann der ganze West­kram wegge­schwemmt hat.
Teil­weise hat mich eine ähnliche ambi­va­lente nost­al­gi­sche Stim­mung auch erwischt, als RayFine und ich in diesem Sommer die weiten Seen­land­schaften erkundet haben. Will sagen, es gibt wohl vieles, was sich einfach zu behüten und zu schützen lohnt–
aber dass kann man ja auch ohne Mauer machen ;-)

10 Gunnar Roß 6. November 2009 um 21:19

Hallo Frau Gnomo­rella und vielen Dank für Ihr langes und fundiertes State­ment. Die von Ihnen erwähnte „Fremd­heit“ beim Besuch der neuen Länder kann ich gut nach­voll­ziehen. Das ging mir Gattin bei unseren ersten West-Besuchen nicht anders. Es war eben doch eine andere Welt. Inzwi­schen habe ich mich aber an den Westen gewöhnt und finde ihn in weiten Teilen sogar recht reiz­voll. Auch finde ich die Stim­mung  und die Leute entspannter und offener, was ich prin­zi­piell begrüße. Natür­lich gibt es auch Ausnahmen, aber grund­sätz­lich gesehen, finde ich den Westen irgendwie „sympa­thi­scher“. Nicht das wir uns falsch verstehen, auch der Osten ist okay, nur eben viel­leicht anders. Womit wir bei der von Ihnen erwähnten Ambi­va­lenz wären, die wohl ein Haupt­be­stand­teil unserer (deut­schen) Iden­tität ist. Ich hoffe, Sie konnten mir folgen, leider hab ich die Kurve in Rich­tung Mauer nicht ganz so elegant genommen wie Sie das taten. Herz­lichst, Ihr Gunnar Roß

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