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Frank Turner/Social Distortion in Leipzig

by Torsten on 4. Juni 2011 · 1 comment

in Kraut und Rüben, Musik

Manch­mal muß man einfach weg. Wir schrei­ben das Jahr 2011, es ist der 2. Juni und Deutsch­lands Väter feiern ihren Vater­tag. Die Straßen sind überfüllt mit volltrun­ke­nem Pöbel und mein väter­li­cher Nachbar meint, er müsse den Nachmit­tag mit Bums- und Fickmu­sik ((Man verzeihe mir die für meine Verhält­nisse ungewöhn­lich derbe Wortwahl. Es ist, wie es ist.)) ausklin­gen lassen. Nicht nur, daß es nun laut Uff uff uff, heut‘ fahr’n wir in den Puff schallt, nein, es ist ihm offen­bar auch nicht im gerings­ten peinlich. Bevor ich also zur Axt greifen kann um dem Grauen ein verdien­tes Ende zu berei­ten, sattele ich meinen alten Klepper und orien­tiere mich in Richtung Leipzig. Denn reich hat man mich beschenkt, eine Karte für Frank Turner und Social Distor­tion bekam ich zu meinem Geburts­tag übereig­net.

Ich starte also mein Automo­bil und hole noch meine Beglei­tung, plus eine weitere Person die zufäl­lig gerade nach Halle/Saale will, ab. Auf der Fahrt zu den beiden denke ich immer noch über meinen gerade versäum­ten Amoklauf nach und frage mich, ob nicht manch Amokläu­fer vielleicht doch einen trifti­gen Grund für sein gar schänd­li­ches Tun hatte. Ich komme zu keinem eindeu­ti­gen Schluß und vertage das Nachden­ken über Amokläufe auf den Sankt­nim­mer­leins­tag.

So wird es 19.00 Uhr, als ich den verein­bar­ten Abhol­punkt errei­che. Ohne langes Trara, Zackzack oder Gelaber steigen die beiden Fahrgäste in mein Automo­bil und wir brechen in Richtung Leipzig auf. Die Fahrt bis Halle vergeht in Nullkom­ma­nix, denn wir haben inter­es­sante Themen: Ehec, Urbanes Leben, Alkohol, Quanten­phy­sik. Alles wie immer.

Kurz vor Halle werfe ich einen flüch­ti­gen Blick auf meine Eintritts­karte um festzu­stel­len, daß der Einlaß zum Konzert bereits um Punkt 19.00 Uhr erfolgt. Offizi­el­ler Start laut Karte ist 20.00 Uhr. Mit den Start­zei­ten ist es ja immer so eine Sache – in 95% aller Fälle geht’s ohnehin nicht pünkt­lich los. Dennoch gerate ich nun etwas in Sorge und brettere – nachdem uns unser Fahrgast in Halle verlas­sen hat – mit knapp 200 km/h weiter in Richtung Leipzig.

Wir sorgen uns nun doch etwas, den Frank Turner vielleicht in Teilen zu verpas­sen. Um 20.40 Uhr errei­chen wir nach Parkplatz­su­che und 5-minütigem Fußmarsch das Haus Auensee in Leipzig. Nette Location, direkt an einem See (Auensee?) gelegen, schön grün, schön warm und verkehrs­güns­tig gelegen. Dort angekom­men erwar­tet uns eine große Menschen­traube vor der Halle. Man ist gutge­launt, trinkt Bier und führt seine Tattoos spazie­ren. Ich entspanne mich merklich, als ich sehe, daß ein Großteil des Publi­kums noch draußen steht und das Konzert folglich noch nicht begon­nen hat.

Wir checken zuerst die Toilet­ten (10 Minuten anste­hen!) dann den Innen­raum und anschlie­ßend das Publi­kum. Letzte­res besteht zu 80% aus zugehack­ten Aushilfs­ame­ri­ka­nern, die auch als texani­sche Farmer, kalifor­ni­sche Sunny­boys oder Rockabilly-Buben aus Missouri durch­ge­hen würden. Es gibt augen­schein­lich nieman­den, der nicht tätowiert ist. Bis auf uns. Die restli­chen 20% der anwesen­den Horde bestehen aus Skinheads und den Freun­den der Hardcore-Musik.

Wir suchen uns ein guten Platz, relativ weit vorn aber seitlich gelegen. Es ist an Leuten angenehm luftig, da hätten gut und gern noch 200 Zuschauer mehr Platz gehabt. An der schlech­ten Luft ändert das aller­dings wenig. Mir steht vom bloßen Rumste­hen der Schweiß auf der Stirn und meiner Beglei­tung ist gar ein wenig übel. Das könnte eventu­ell aber auch an unserem fortge­schrit­te­nen Alter liegen, denn ausnahms­los alle schei­nen jünger zu sein.

Auf der Bühne tut sich nichts, außer man sound­checkt. Als das Schlag­zeug dran ist, denke ich noch so bei mir: Das könnte man aber etwas leiser drehen, beson­ders die Bass-Drum scheint mir unglaub­lich präsent zu sein. Eine Einschät­zung, die sich im weite­ren Verlauf des Abends bitter bestä­ti­gen wird. Man sound­checkt also weiter rum und plötz­lich …

… wird es dunkel. In trauter Vorfreude auf Frank Turner gerate ich in eine Art eupho­ri­scher Kurzex­tase. Es brummt, es summt, es klingt und es tönt: Man spielt eine Fanfare. Ich denke so bei mir, Mensch, das klingt aber schon verdäch­tig nach Social Distor­tion… Wo bleibt denn mein Freund, der Frank?! Da es auf der Bühne weiter­hin dunkel bleibt, sehen wir nur schemen­haft Gestal­ten im Dunkeln huschen. Plötz­lich erklingt der erste Song, und tatsäch­lich, nach etwa 30 Sekun­den erkenne ich So Far Away. Leider nicht von Frank Turner, sondern von Social Distor­tion. Schlag­ar­tig fällt es mir wie Schup­pen aus den Haaren:

Wir haben Frank Turner verpaßt.

Großer Gott, wir haben Frank Turner verpaßt!

Nur Sekun­den später begin­nen wir vor unseren geisti­gen Augen mit der Rückrech­nung: Wenn Frank Turner tatsäch­lich um Punkt 20.00 Uhr begon­nen hat und 35 Minuten spielte – ja, dann hätten wir tatsäch­lich Frank Turner verpaßt. Und genauso muß es gewesen sein, denn da war er tatsäch­lich und gespielt hat er auch, unser Frank Turner.

Wir machen ziemlich lange Gesich­ter. Dennoch beschlie­ßen wir, uns nicht weiter zu ärgern, sondern statt­des­sen lieber Social Distor­tion zu genie­ßen. Das aller­dings fällt schwer, denn der Livesound ist so unfaß­bar mies und grottig, daß man jeden Song nach frühes­tens 20 Sekun­den erkennt. Sogar die großen Hits. Einen derma­ßen schlech­ten, extrem basslas­ti­gen Sound habe ich tatsäch­lich noch nie erleben dürfen. Oder müssen. Jede Gitarre, jedes gesun­gene Wort geht im Gebolze von Schlag­zeug und Bassgi­tarre unter. Während ich noch damit rechne, das der Mixer den Sound nach 3 Songs wohl im Griff haben wird, ändert sich gar nichts. Es bleibt das ganze Konzert über ein unfaß­bar schlim­mer Matsch und Murks und audio­phi­ler Schlamm. Schlimm.

Die Setlist bestand nach meiner Erinne­rung (nicht vollstän­dig!) aus Bad Luck, Machine Gun Blues, Ball and Chain, Gimme the Sweet and Lowdown, Prison Bound und Bakers­field. In der Ansage zu letzt­ge­nann­tem Song vergleicht Mike Ness das Leben in Bakers­field mit dem „Life in Eastern Germany“. Ein Vergleich, der nicht nur hinkt, sondern auch ein bißchen naiv daher­kommt. Das Publi­kum freut sich trotz­dem.

Nach nur 75 Minuten ist das reguläre Set auch schon vorbei. Es folgen im Zugabe­block Califor­nia (Hustle and Flow) und Can’t Take It With You, beide mit zwei Background-Sängerinnen ganz ordent­lich in Szene gesetzt. Zum Abschied gibt’s dann noch Ring of Fire obendrauf. Selbst diesen Song erkenne ich erst nach 30 Sekun­den. Unfaß­bar. Zweifelnd, ob es nicht doch vielleicht an mir liegt, frage ich meine Beglei­te­rin nach ihrem Sound­emp­fin­den. Ihr ging’s genauso, was mich beruhigte, aber nicht glück­li­cher machte.

Zwischen­durch legten wir draußen noch eine Raucher­pause ein und statte­ten der bezau­bern­den Sarah (Frank Turners Merchandise-Lady) einen Besuch ab. Meine Beglei­tung kaufe 2 CDs und so gab’s für mich kosten­los ein Plakat obendrauf.

T-Shirts von Frank Turner koste­ten 15 EUR, CDs nur einen Zehner. Social Distor­tion nehmen unver­schämte 30 EUR für ein T-Shirt, 50 für einen Kapuzens­wea­ter und sagen­hafte 100 EUR für ein Tourjäck­chen. Ich bin einiges gewohnt, aber diese Preise ließen mich kopfschüt­telnd zurück.

Die Rückfahrt verlief problem­los und war unter­halt­sam. In Könnern hat’s einen guten Burger King, dort kehrten wir noch ein um etwas zu essen. Uns folgte ein Skoda Octavia aus dem Börde­kreis mit vier Hardcore-SD-Fans, die ich hiermit herzlich grüßen möchte.

Der nächste Morgen entschä­digt mich für das durch­wach­sene Konzert­er­leb­nis, denn schlu­ßend­lich halte ich nach langem Warten die neue Frank Turner LP England Keep My Bones in meinen gebrech­li­chen Händen. Feines Album. Aber dazu vielleicht ein ander­mal mehr…

P. S. Die nicht ganz so schönen Fotos bitte ich zu entschul­di­gen – Handy­ge­döns ist kein Fotoge­döns!

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1 Alex Juni 4, 2011 um 23:30 Uhr

Wieder­mal hervor­ra­gend geschrie­ben 🙂 Solang du mit den 200kmh^-1 nicht auf dem Stand­strei­fen überholt hast 😀

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