web analytics

Im Hexenkessel von Hannover

by Torsten on 17. November 2011 · 5 comments

in Kraut und Rüben, Musik

Unser kleiner Ausflug:

Frank Turner & The Sleeping Souls
live im Kultur­zen­trum FAUST (60er Jahre Halle)

Am gestri­gen Abend hieß es mal wieder, den Volks­wa­gen zu satteln und ihm die Sporen zu geben. Dieses Mal wieder in Richtung Westen, über die Landes­grenze nach Hanno­ver. Im Kultur­zen­trum Faust spielte Frank Incredi­ble Turner, der Wirbel­wind von der Insel, zum Tanze auf. Die Tickets lagen in weiser Voraus­sicht bereits seit Monaten bereit, was ich gestern Abend als kluge Entschei­dung erwies. Das Konzert war ausver­kauft und die Schlange am Einlaß ebenso endlos wie kalt.

Die Anfahrt verlief problem­los. Aller­dings läßt der Straßen­zu­stand der Autobahn 2 zwischen Helmstedt-Ost und Peine doch sehr zu wünschen übrig. Die Autobahn ist dort eine Berg- und Tal-Schunkel-Bahn, was mich umgehend zu der Erkennt­nis brachte, daß der Abschwung West weiter in vollem Gange ist, während die in den letzten 20 Jahren auf den Boden gestampf­ten Schnell­fahr­bah­nen im Osten unseres Vater­lan­des durch eine ebenso glatte wie elegant bitumierte Oberflä­che zu überzeu­gen wissen. Wie auch immer – wir überwan­den die Paß- und Visakon­trolle in Marien­born ohne größere Probleme und kamen pünkt­lich in Hanno­ver an. Die Parkplatz­su­che gestal­tete sich äußerst schwie­rig und langwie­rig, da das Kultur­zen­trum Faust recht zentral in Hannover-Linden gelegen ist. Schlu­ßend­lich fanden wir dann aber doch noch einen Parkplatz, aller­dings einen, bei dem die hohe Kunst des zenti­me­ter­ge­nauen Einpar­kens gefragt war. Kraft unserer Wasser­suppe und Lenkbe­we­gun­gen meister­ten wir aber auch diese Hürde.

Am Faust angekom­men, fanden wir eingangs erwähnte Schlange vor. Nach gut 15 Minuten waren wir an der Pole Position angelangt und prompt wurde uns Einlaß gewährt. Das Faust gliedert sich in mehrere Objekte und Lohkäh­schens, wie z. b. die Waren­an­nahme, die Kunst­halle und eben die bereits genannte 60er Jahre Halle. Wir betra­ten also letztere, holten uns den obliga­to­ri­schen Stempel ab und wurden nur kurz per Sicht­check von der (sehr freund­li­chen!) Security überprüft. Die Halle entpuppte sich rein größen­tech­nisch eher als mittel­gro­ßer Schup­pen. Ein LKW wäre dort vielleicht abstell­bar, oder auch 150 Fahrrä­der. Aber nur, wenn man sie ordent­lich stellt. Immer hübsch seiten­ver­kehrt – Lenker an Hinter­rad und anders­herum. Konkre­ter werdend, würde ich sagen wollen, daß vielleicht 300 bis 400 Menschen in der Halle Platz fänden.

Kurz den Merch-Stand gecheckt (alles bereits vorhan­den!) und dann erstmal ein Bier getrun­ken. Zu den Bierprei­sen kann ich nichts sagen, da meine Beglei­tung so freund­lich war, mich ernährungs- und geträn­ke­tech­nisch über den Abend zu retten. Im Gegen­zug fuhr ich und spendierte die Tickets.

Nach länge­rer Warte­rei und dem obliga­to­ri­schen Publi­kum­s­check (Alles von 20 bis 40, hoher Frauen­an­teil), betra­ten dann auch schon die Herren der The Xcerts die Bühne. Geboten wurde wenig origi­nel­ler Noise­rock mit starken Emo-um-das-Jahr-1992-Einflüssen. Ganz nett, aber nicht nicht nett genug, als daß ich beispiels­weise einen Tonträ­ger der Forma­tion besit­zen wollte.

Nach kurzer Umbau­pause dann endlich unser angel­säch­si­scher Rächer aus Winches­ter Forest – Frank Amazing Turner! Los ging’s mit Eulogy vom letzten Album England Keep My Bones und von Sekunde 1 an ertönte der vielstim­mige Chor aus Publi­kum und Frank Unbeliev­a­ble Turner selbst. Was folgte war ein Hitfeu­er­werk aus zunächst fünf Songs (genaue Setlist wird nachge­reicht!) das kaum Zeit zum Luftho­len ließ. Vielfach reckten sich bereits während den ersten Songs die Fäuste in die Lüfte und stellen­weise sang das Publi­kum lauter als unser Haupt­ak­teur selbst.

Dann erst die Begrü­ßung des Publi­kums durch Mr. Turner. Er erwähnte, daß sein erster Solo-Headliner-Ging vor Jahren im Chez Heinz in Hanno­ver statt­fand, weshalb er mit der Stadt beson­ders verbun­den wäre. Alter Schlei­mer. Was folgte, waren insge­samt 90 Minuten Wahnsinn, Hits und gute Laune, nur unter­bro­chen durch die eloquen­ten Geschich­ten und Anekdo­ten, die Frank Turner zwischen­durch zum Besten gab. Immer einge­streut in seine Geschich­ten sind die Worte fucking, fuck, mother­fuck­ing, Mother­fu­ckers und shit. Das wirkt aber nie peinlich oder aufge­setzt, sondern einfach herzer­fri­schend und leiden­schaft­lich. Toller Mann, und das sage ich als Hetero­se­xu­el­ler.

Dazwi­schen immer wieder die Auffor­de­rung zum Mitsin­gen, der massen­haft nachge­kom­men wurde. Neben­bei gab es ein paar deutsche Sätze, beispiels­weise wenn Mr. Turner das Publi­kum zu noch mehr Einsatz auffor­dern wollte: „Bizt Du mude? Kannst Du noch? Bizt Du Oster­rei­cher?“. Was haben wir gelacht!

Vor Glory Halle­lu­jah („There never was no god“) entschul­digte er sich beim Publi­kum präven­tiv, falls er irgend­je­man­des religiöse Gefühle verletz­ten sollte. Man solle als Christ, Moslem, Whate­ver halt nicht hinhö­ren und könne ja später trotz­dem zusam­men ein Bier an der Bar trinken. Korrekte Einstel­lung, wie ich finde. Das gleiche auch in Anspie­lung auf den Album­ti­tel England Keep My Bones („Germany and England were in fuckin‘ war with each other. But now were friends, aren’t we?). Bei Dan’s Song dann der ultima­tive Höhepunkt der Publi­kums­be­tei­li­gung – die Air Harmo­nica! Da Mr. Turner seine Mundhar­mo­nika im Suff in Austra­lien verlo­ren hat, mußte das Publi­kum einsprin­gen. Nach kurzer Probe und Einwei­sung durch den Meister ging’s dann im entspre­chen­den Mundharmonika-Part von Dan’s Song auch richtig ab: Das gesamte Publi­kum nahm seine imagi­nä­ren Mundhar­mo­ni­kas vor den Mund und es erscholl ein hundert­fa­cher Jaul- und Jammer­chor, was für überbor­dende Heiter­keit sorgte.

Mitten­drin gab’s noch eine großar­tige Cover­ver­sion von Queens Somebody To Love, das exzel­lente Sons Of Liberty und „for all the old punks in die audience“ das epische Love Ire & Song. Dann auch noch das berüh­rende Long Live The Queen, da bleiben bei mir absolut keine Wünsche mehr offen.

90 Minuten waren viel zu schnell vorbei. Die Zugabe bestand aus Ballad Of Me And My Friends und Photo­syn­the­sis, welches zum aller­letz­ten Höhepunkt wurde. Erneut wurde massive Publi­kums­be­tei­li­gung einge­for­dert, und beim Gesang von „I won’t sit down and I won’t shut up and most of all I will not grow up“ fühlten wir uns wie eine Armee von berufs­ju­gend­li­chen Minder­jäh­ri­gen auf Glücks­hor­mo­nen. Fuckin‘ amazing!

Abschlie­ßend das Fazit: Ein famoser Abend mit einem famosen Frank Unfaß­bar Turner und einer großar­tig einge­spiel­ten Band. Eines der besten Konzerte, daß ich jemals besuchen durfte. Wenn Frank Turner in eurer Nähe spielt, geht hin. Der Mann ist jeden verdamm­ten Cent wert.

Wir sehen uns am 2. Dezem­ber in Berlin. 😀

{ 4 comments… read them below or add one }

1 Torsten November 17, 2011 um 18:40 Uhr

Die Setlist:

Eulogy
Try This at Home
The Road
If Ever I Stray
I Knew Prufrock Before He Got Famous
I Am Disap­peared
Love Ire & Song
Polaroid Picture
Substi­tute
Dan’s Song
Sons of Liberty
Peggy Sang the Blues
One Foot Before the Other
Glory Halle­lu­jah
Long Live the Queen
I Still Believe
Somebody to Love
(Queen cover)
Encore:
The Ballad Of Me And My Friends
Photo­syn­the­sis

Antworten

2 Bruce Baxter November 17, 2011 um 19:18 Uhr

na da freut man sich aber auf den 2. dezem­ber…
schöner artikel, steigert die vorfreude enorm.
bis dahin

Antworten

3 Alex November 17, 2011 um 19:36 Uhr

Und wer will solchen Artikel nicht im Ox lesen?
 
Dann rippe er bitte aber auch den Tonträ­ger der nicht nicht netten Band 🙂

Antworten

4 Bruce Baxter Dezember 3, 2011 um 13:32 Uhr

Das Konzert gestern in Berlin war grandios, die Air Harmo­nica habe ich aber wegen Bier holen leider verpasst.…

Antworten

Kommentar verfassen

{ 1 trackback }

Previous post:

Next post: