10 Platten für die Insel (Teil 2)

Teil 2 unser­er kleinen Rei­he “10 Alben für die Insel”!
Alle Artikel aus der Rei­he sind hier abrufbar.


Fehlfarben — Monarchie & Alltag

1980 — EMI Electrola

Hier und jet­zt / Grauschleier / Das sind Geschicht­en / All That Heav­en Allows / Gott­sei­dank nicht in Eng­land / Mil­itürk / Apoka­lypse / Ein Jahr (es geht voran) / Angst / Das war vor Jahren / Paul ist tot

- hier und jetzt -

die schat­ten der vergangenheit
wo ich auch geh, sind sie nicht weit
ich weiß nicht ein­mal, wer ich bin
in der zeitung zu lesen hat keinen sinn

die zweite hälfte des him­mels kön­nt ihr haben
doch das hier und das jet­zt, das behalte ich

Die zweite Hälfte des Him­mels lag vor mir und meinen Kas­set­ten: Knapp ein Jahr meines Lebens habe ich beina­he im Dauer­schlaf ver­bracht. Vom vor-rev­o­lu­tionären Som­mer 1989 bis in den Früh­ling 1990 hinein, lag ich in meinem Bett im Lehrlingswohn­heim (gibt es eine adäquate neuzeitliche Beze­ich­nung für sowas?) im Magde­burg­er Loren­zweg, die Decke über den Kopf gezo­gen und den Walk­man auf den Ohren. Mein Leben bestand zu dieser Zeit auss­chließlich aus Schicht­di­enst im Zeitungs­gewerbe, dem Hin- und Rück­weg zum Lehrlingswohn­heim, und dem Einkauf von Brötchen und abgepack­ten Würstchen. Ich habe mich tat­säch­lich knapp ein Jahr lang die Woche über auss­chließlich von Brötchen und Würstchen ernährt.

Meine bei­den treuen Begleit­er in dieser Zeit waren zwei Musikkas­set­ten (damals nan­nten wir Tapes noch so): Die Art aus Leipzig mit ihrem Demo­tape “Dry” und eine ver­rauschte, aber immer­hin schon Stereo-Kopie von “Monar­chie & All­t­ag” der Fehl­far­ben. Wenn ich nicht arbeit­ete, schlief oder aß, hörte ich genau diese bei­den Tapes im wöchentlichen Wechsel.

Der beste Sound­track für diese Art Leben. Kalt, met­allisch ohne nach Met­al zu klin­gen, ankla­gend, wütend, dunkel. Das Album klingt nach Berlin, so wie kein anderes Album nach Berlin klingt und gle­ichzeit­ig so wenig Berlin ist.

Son­dern Düsseldorf.

Also weit weg, eigentlich. In west­deutsch­er Gemütlichkeit. So gemütlich kann’s dort allerd­ings auch nicht gewe­sen sein, 1980, in den Zeit­en der Berlin­er Mauer, der Para­noia des Kalten Krieges, der Per­sh­ing II- und SS 20-Raketen und der Friedens­be­we­gung. Später dann war die Musik der Fehl­far­ben auch Sound­track für die Schlacht­en um Wack­ers­dorf, die Ham­burg­er Hafen­straße und die Start­bahn West.

Bis heute taucht “Monar­chie & All­t­ag” stets auf vorderen Plätzen auf, wenn es darum geht, die besten deutschsprachi­gen Alben aller Zeit­en zu benen­nen. Die Mis­chung aus Rock, Punk und Ska war beim Erscheinen des Albums für deutsche Ver­hält­nisse abso­lut neu. Die ein­gangs erwäh­nte met­allis­che Kälte des Albums, der oft monot­o­ne Beat (für Punkrock im klas­sis­chen Sinne abso­lut unüblich) und natür­lich die Texte der Band wahren Weg­bere­it­er für viele Nachkömm­linge und auch ursäch­lich für die “Neue Deutsche Welle”. Wobei NDW hier natür­lich nicht für den Spaß- und Non­sens-Pop der späten Jahre ab 1982 ste­ht, als man bunte Kostüme trug und alberne Lieder über alberne Dinge sang. 

Was ich an Peter Heins Tex­ten immer bewun­dert habe, ist die Fähigkeit mit ein­fachen Sätzen kom­plexe Sachver­halte auszu­drück­en. Wahrschein­lich ist das Album auch deshalb ein Klas­sik­er gewor­den, weil sich jed­er pubertierende Indiepunkrock­weißich­was­men­sch darin wieder­erken­nen kann. So er denn will. Denn Teenage-Angst und Weltschmerz gibt’s in jed­er Gen­er­a­tion. Nur die Art der Artiku­la­tion und damit auch die Wahl der Mit­tel ändern sich.

Ich hat­te im let­zten Jahr die Gele­gen­heit, die Fehl­far­ben erst­mals live zu erleben. Es war spär­lich besucht aber abso­lut großar­tig. Peter Hein schildert übri­gens in seinem Buch “Geht so: Wegbeschrei­bun­gen” auch eine Begeg­nung der etwas anderen Art, die vor oder nach besagtem Konz­ert (so genau weiß ich das nicht) stattge­fun­den hat. Und lei­der lei­der mal wieder typ­isch ist. Paul war jeden­falls auch da, und ich hätte gern ein Video von meinem alten Fre­und Paul hier einge­bun­den. Lei­der ist youtube in dieser Hin­sicht nicht beson­ders koop­er­a­tiv. Nur ’ne Liveauf­nahme aus späteren Tagen, die gibt allerd­ings die Magie, die ins­beson­dere dem Schlußstück innewohnt, nur ungenü­gend wieder.

Paul ist tot. Kein Freispiel drin.

3 Kommentare zu „10 Platten für die Insel (Teil 2)“

  1. schön, dass ich dich ansteck­en kon­nte   :mrgreen:

    ich habe es immer nicht recht ver­ste­hen kön­nen, (meine holde kann das auch) wie man 1 oder eben bei dir 2 plat­ten oder gar nur einen song, auf dauer­re­peat hören kann … ein­fach nicht mein ding. aber diese bei­den erwäh­n­ten tapes, ohhh wahrlich tapes ist für meinen sprachge­brauch neu­modis­ch­er fir­lefanz aus den end-neun­zigern, sind gross­es kino und eine enorme bere­icherung meines musikalis­chen hor­i­zontes gewe­sen. und wie du weisst sind die far­ben auch unter meinen top 10 zu finden 🙂

  2. Ach, ein, zwei Plat­ten in Dauer­ro­ta­tion, das geht auch heute noch. Ging mir zulet­zt mit den let­zten Plat­ten von Against Me! und Tocotron­ic so. Und natür­lich Niels Fre­vert, der lief auch rund um die Uhr. Diese Fehl­far­ben-Rezen­sion fiel mir übri­gens ziem­lich schw­er, aber Übung macht den Meis­ter. Mehr dann in Teil 3, Plat­te ver­rat ich noch nicht.

  3. Jule wäscht sich nie

    Natür­lich die Fehlfarben…was auch son­st? Und da haste so lang drüber gebrütet? Aber gut iss­es gewor­den Herr Boll­w­erk. Wenn das mit dem Bion­ade­hiphop nix wird dann eben Rezen­sist in der Popcorn..wenns die denn noch gibt.

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