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Why don’t we call it Punk?

von Zora am 22. August 2008 · 6 Kommentare

in Zoras Bücherkiste

Aus Zoras Bücher­kiste:

Legs McNeil, Gillian McCain, Esther Breger und Udo Breger

“ Please Kill Me!
Die unzensierte Geschichte des Punk“

Klappentext:
Dieses Buch erzählt die ereignisreiche Geschichte des amerikanischen Punk. Da die Verfasser ausschließlich Aussagen von Zeitzeugen verwendet haben, liest sich das Buch wie ein Roman. In chronologischer Reihenfolge fügt sich nahtlos Zitat an Zitat, als säßen die Interviewten in einer großen Runde beisammen, um sich mit dem Erzählen abzuwechseln. Was die Musikrebellen wollten, war Authentizität, keine Märchenstunde. Die Anekdoten und Erinnerungen von Leuten wie Patti Smith und Dee Dee Ramone bilden ein schillerndes Kaleidoskop, jenen Teil amerikanischer Musikgeschichte betreffend, der in den Sechzigern seinen Anfang nahm, als Velvet Underground in Warhols Factory-Umfeld erste Konzerterfahrungen sammelten. Es folgen Stories über die New York Dolls, Ramones, Blondie etc. Ein amüsantes und informatives Lesevergnügen, das zudem wieder enorm Lust macht, seine alten Platten aufzulegen.
Pressestimmen:
„Wie es angefangen hat und wo, können selbst die nicht erklären, die dabei gewesen sind. McNeil/McCain heben mit dem Moment an, da Andy Warhol auf eine Gruppe namens The Velvet Underground aufmerksam wird und glaubt, sie in seinen New Yorker Kunst-Zirkus integrieren zu können. Aus der Verschmelzung von Pop Art und Rock’n’Roll geht ein neuer Lebensstil hervor, ein düsterer Klang-Existenzialismus.“ (Kai Müller im Tagesspiegel vom 24.03.2004)
„Legs McNeil kann für sich beanspruchen, den Begriff Punk zwar nicht erfunden zu erhaben (dieses Verdienst gehört vermutlich Lester Bangs). Doch hat er ihn gewissermassen institutionalisiert, als er 1975 mit dem Grafiker John Holmstrom das Magazin »Punk« gründete. »Please Kill Me« skizziert das amerikanische Vorbild des Genres, nicht das britische Phänomen Punk, für dessen Beginn die Sex Pistols stehen.“ (Markus Schneider in der Berliner Zeitung vom 23.08.2004)

Wer das Buch kennt, wird vielleicht verste­hen können, daß ich mich bei der Lektüre am liebs­ten kopfüber mitten­rein in diese kaputte, laute, schrille Zeit gebeamt hätte. Natür­lich unsicht­bar – denn ich hätte weder den üblichen Drogen­kon­sum noch die Macho­al­lü­ren der „Stars“ verkraf­tet.

Aber mit Tarnkappe im Lower Manhat­tan Ocean Club? Klar doch!

Zwischen Iggy Pop und David Bowie sitzen, während Patti Smith verklei­det wie die kleine wütende Schwes­ter von Keith Richards düste­ren Schmerz verbrei­tet. Da vorn steht Nancy Spungen und redet aufge­regt auf einen genervt blicken­den Typen ein. Hm, sieht aus wie Tom Verlaine. Durch die Menge schiebt sich eine blonde, nicht mehr ganz junge Frau, sieht sich wirr und nervös um. Nico auf der Suche nach dem nächs­ten Schuß und der verlo­re­nen Jugend…Was ist da vorn los? Ah ja, die Warhol-Clique gibt sich die Ehre. Der immer irgend­wie gelang­weilt wirkende Egomane inmit­ten seiner transzenda­len, trans­se­xu­el­len Meute und Brigid Berlin hat zwischen den Zähnen eine kleine Spritze, die wie eine Zigarette auf und ab wippt. Spot an! Zwischen dem Wahnsinn eine unüber­sicht­li­che Rotte männli­cher und weibli­cher Groupies, die wie Glitzer­flit­ter­stern­chen der Szene den notwen­di­gen Glanz verlei­hen.
Und wenn jetzt noch Johnny Thunders reinkommt, DeeDee ein Bier ausgibt und Sable Starr vom Hocker fällt…dann will ich verdammt noch mal auch eine von diesen bunten Pillen, die Nancy verteilt. Und ich will genauso orien­tie­rungs­los und zugedröhnt durch die Zeit taumeln. Ohne wirkli­chen Plan, aber immer erstmal dagegen! YEAH!

Sind Klischees nicht etwas Wunder­ba­res? Die Reali­tät zwischen den Kapiteln machte wahrschein­lich nicht mal halb soviel Spaß. Und wie fast immer dokumen­tie­ren die „Randfi­gu­ren“ wie Manager, Promo­ter und „gute Freunde“ mit Vorliebe ihre Sicht der Dinge und weisen dezent darauf hin, nicht nur dabei, sondern mitten­drin gewesen zu sein.

Trotz­dem liest sich dieses Buch weg wie nix – was zum Teil an genetisch vorpro­gram­mier­tem Voyeu­ris­mus liegen mag, denn all die Exzesse, Peinlich­kei­ten, szenein­ter­nen Verban­de­lun­gen und ein hoher Läster­fak­tor machen fast 50 % des Lesestof­fes aus. Sehr unter­halt­sam, manch­mal unfrei­wil­lig komisch, manch­mal zum heulen traurig. Aber doch immer über BUNTE-Niveau 😉

Einige nicht unerheb­li­che Neben­wir­kung waren nicht nur die Lust, alte Platten wieder aufzu­le­gen, im Web nach Raritä­ten zu suchen und sich durch Bandbio­gra­phien zu kämpfen, sondern auch in sinn- und endlose Diskus­sio­nen zu geraten, die der Frage „Wer hat’s erfun­den?“ galten.

Ich weiß nicht, ob „Please kill me“ wirklich die „unzen­sierte Geschichte des Punk“ wieder­gibt. Ob die Amis den Punk als Witz erfun­den und die Englän­der daraus eine bis heute überle­bende eigene Legende geschaf­fen haben – darüber mögen andere urtei­len. Mir persön­lich ist das völlig egal. Die Musik jedoch ist mir überhaupt nicht egal.

Immer noch Hammer, immer noch meins.

{ 6 Kommentare… sie unten lesen oder einen hinzufügen }

1 Torsten August 23, 2008 um 12:19 Uhr

Mir ist der Ursprung nicht egal. 😉 Zugege­be­ner­ma­ßen waren es wohl wirklich die Amis, auch wenn ich die Englän­der lieber als Erfin­der gehabt hätte. Deswe­gen ziehe ich wohl auch den engli­schen Punk bis heute vor.

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2 zora August 28, 2008 um 12:14 Uhr

Die Gedan­ken sind frei!

Ich erinnere mich gut und gern an unsere nächte­lan­gen Diskus­sio­nen über Musik­theo­rien, Urheber­rechte und bauch­ge­fühl­ge­steu­erte Hit-Listen…macht nix, wir werden  niemals einer Meinung sein 😈 😆

(Und da sind sie wieder, meine drei Probleme…kein richti­ger Punk, kein richti­ger Hippi und keine Ahnung, wo ich hingehör…bleib ich also eine verpunkte Hippi-Grungerella mit irischen Wurzeln!)

zora

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3 kacknorris September 13, 2008 um 02:16 Uhr

ich denke, in den USA hat das anfang der 70er den namen „punk“ bekom­men, was als kunst- später musik- und lebens­ver­ständ­nis schon seit den 50ern existierte, und zwar nicht nur in den USA. wir können auch bis in die 1920er zurück­ge­hen – dadais­mus usw. in england hat es dann einen gewis­sen schliff bekom­men, dank bereits 1977 geschick­ter vermark­tung. ich hab vor 1 oder 2 jahren mal einen blick in das englisch­spra­chige origi­nal gewor­fen und fast gekauft. jetzt ist die überset­zung da hurra, weihnach­ten!

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4 zora September 17, 2008 um 10:23 Uhr

Und wenn das ganze einfach nur Spass war? Was, wenn Punk jegli­cher Analyse überflüs­sig, sich jegli­cher Grund­lage entzie­hend, jegli­che Wurzel negie­rend einfach nur Spaß am laut und verrückt und daneben und dreckig und scheiß­egal ist?

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5 kacknorris September 20, 2008 um 19:51 Uhr

ja … nein… doch .…vielleicht .… nein eher nicht.… das was du beschreibst ist schon richtig aber selbst das ist ja schon Kultur- und Gesell­schafts­kri­tik. außer­dem analy­siere ich gern mal.

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6 zora September 22, 2008 um 08:14 Uhr

Das sollst du auch und darfst du auch und mußt du auch – die sogenannte intel­lek­tu­elle Welt ist gähnend langwei­lig genug, tolerant genug und überhaupt übersät­tigt von wohlwol­len­der Akzep­tanz… 😆
Ich mag Leute mit Stand­punkt und analy­ti­schen Fähig­kei­ten 😯
zora

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