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Zeitreise – Die Kinder von Golzow

von Torsten am 4. Oktober 2008 · 10 Kommentare

in Kraut und Rüben

Heute mal ein kleiner TV‐Tipp vom Behör­den­team: „Die Kinder von Golzow“ ist eine filmi­sche Langzeit­do­ku­men­ta­tion über die Schüler einer Schul­klasse aus dem branden­bur­gi­schen Golzow im Oderbruch. Von 1961 bis 2007 dokumen­tie­ren Barbara und Winfried Junge 18 Menschen auf ihrem Lebens­weg. Dabei entstan­den mehr als 45 Stunden Filmma­te­rial. Doch keine Angst: Es handelt sich nicht um „Big Brother“ für Intel­lek­tu­elle, sondern um ein filmhis­to­risch bedeu­ten­des und anspruchs­vol­les Werk.

Ein Großteil der Faszi­na­tion der Reihe entsteht vor allem aus der Fülle des Materi­als und der Bandbreite der Charak­tere. Von „Darstel­lern“ zu reden verbie­tet sich, auch wenn insbe­son­dere in den älteren Folgen eine gewisse Scheu der Protago­nis­ten deutlich spürbar wird. Anfang der 60er waren wir eben noch weit von der heuti­gen Medien­ge­sell­schaft entfernt, da war ein Kamera­team im Dorf eine Sensa­tion. So, als würde heute ein UFO im Behör­den­hof landen.

Inter­es­sant sind vor allem all die unaus­ge­spro­che­nen Sätze zwischen den Zeilen, die man wohl nur als gelern­ter DDR‐Bürger beson­ders gut hört. Faszi­nie­rend zu sehen, wie sich Leben, Charak­tere und auch das Äußere von Menschen über Jahre und Jahrzehnte verän­dern. Die Filme beleuch­ten nicht nur die indivi­du­el­len Lebens­ge­schich­ten der „Kinder von Golzow“ sondern geben auch einen tiefen Einblick in die Geschichte der DDR und der Wende. Ganz neben­bei wird natür­lich auch der Lokal­ko­lo­rit der DDR hervor­ra­gend wieder­ge­ge­ben: Ich hab mich selbst dabei ertappt als ich „Da, ein ZT‐300!“* rief. Auch Straßen­schil­der, Tisch­de­cken und Sprelacart‐Schränke lassen alte Erinne­run­gen aufle­ben.

Beson­ders inter­es­sant sind natür­lich die Jahre von 1988 bis in die 90iger hinein, weil man dort ganz genau den Bruch in den Köpfen und den Bruch in den Herzen nachvoll­zie­hen kann.

Nach dem Ende der DDR und damit auch der DEFA führte Junge das Golzow‐Projekt in Co‐Produktion mit Sendern der ARD, vor allem dem RBB, weiter; der Progress Film‐Verleih wertet „Die Kinder von Golzow“ im Kino und auf Festi­vals aus.

Mit den beiden Teilen „Und wenn sie nicht gestor­ben sind…“ und „…dann leben sie noch heute“ endete die längste Dokumen­ta­tion der Filmge­schichte. (Unter teilwei­ser Verwen­dung des Artikels auf wikipedia.de)


Hier noch einige Links zum Thema:

Homepage der „Kinder von Golzow“

Amazon.de hält ein reich­hal­ti­ges Arsenal an DVDs, DVD‐Boxen und Büchern zur Reihe bereit. Es lohnt sich defini­tiv.

Eine sehr gelun­gene Kritik zum Abschluß­film der Reihe gibt es beim ZDF‐Kulturmagazin „aspekte“.

Aktuelle Sende­ter­mine auf prisma-online.de.

Für Kurzent­schlos­sene: Heute, 23.05 Uhr, rbb: „Und wenn sie nicht gestor­ben sind…“.

(* wer weiß, was ein „ZT‐300“ ist, gewinnt eine kleine Flasche „Echten Nordhäuser Doppekorn“)


{ 10 Kommentare… sie unten lesen oder einen hinzufügen }

1 Jule wäscht sich nie Oktober 4, 2008 um 22:46 Uhr

Buh RBB..ick will zurück! verdammte axt

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2 Jule wäscht sich nie Oktober 4, 2008 um 22:50 Uhr

ich finde es auch so inter­es­sant wie viele typisch ddr bürge­ri­sche aussa­gen man da findet..dieses duckmäu­se­ri­sche und sich selbst zurück­neh­mende. der einzelne ist nur teil des ganzen..

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3 Torsten Oktober 4, 2008 um 22:50 Uhr

Hm, blöd das Du den Sender nicht empfan­gen kannst. Halt einfach die Augen offen, diverse Teile der Dokumen­ta­tion laufen oft auch im mdr. Es lohnt sich in jedem Fall, wobei mir persön­lich die „späte­ren“ Folgen am besten gefal­len. Das liegt aber sich an meinem Alter und meiner Sicht auf die DDR.

In der Tat, das Duckmäu­ser­tum wirkt ja bis heute nach und erklärt, so denke ich, einiges. Vor allem erklärt es, warum soviele Menschen bis heute nicht mit einer Demokra­tie klarkom­men… 🙁

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4 kacknorris Oktober 5, 2008 um 01:53 Uhr

leider läuft bei uns weder mdr noch rbb, ich habe aber teile der großar­ti­gen doku vor 10–15 jahren schon mal gesehen, das war auch ohne ddr‐insider wissen absolut fesselnd. … schade nur, dass es jetzt „zuende“ ist. denke mal, das ist weltweit einzig­ar­tig.
zt‐300? öh… ein moped?.…fernseher? .…staub­sauger?

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5 Bruce Baxter Oktober 5, 2008 um 07:45 Uhr

ZT300=Landmaschine vom Typ Traktor, 1967 in Serie gegan­gen.

Damit kam mein Opa immer in der Mittags­pause vom Feld, die Flasche Doppel­korn im Stiefel­schaft.…

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6 Die Mone Oktober 5, 2008 um 13:13 Uhr

Hallo Leute,
es gibt inzwi­schen alle Filme auf DVD. Ihr könnt aber auch ins Golzo­wer Filmmu­seum ausflie­gen, es Euch dort in alten Kinoses­seln bequem machen und je nach Ausdauer und vorhan­de­ner Zeit einen oder mehrere Teile auf Euch wirken lassen.

Gruß aus Golzow
Mone

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7 Torsten Oktober 5, 2008 um 14:10 Uhr

@kacknorris: Es freut mich, daß die Dokumen­ta­tion nicht nur Ex‐DDR‐Bürger zu begeis­tern weiß. Das überrascht mich ehrlich gesagt, weil ich mir nicht vorstel­len konnte, daß insbe­son­dere die häufige Einsil­big­keit und „Selbst­zu­rück­nahme“ der Protago­nis­ten für einen Westdeut­schen nachvoll­zieh­bar ist. Mit dem ZT 300 lagst Du leider daneben.

@Bruce: Herzli­chen Glück­wunsch und einen angeneh­men Rausch! Per Post oder beim nächs­ten Mal in natura?

@Mone: Vielen Dank für den Hinweis. Wenn ich mal in der Gegend bin, werde ich defini­tiv vorbei­schauen. Hier nochmal der Link zum Filmmu­seum in Golzow für alle.

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8 kacknorris Februar 9, 2009 um 17:34 Uhr

natür­lich hat(te) die dokumen­ta­tion des ddr‐lebens eine gewisse exotik. das war aber nur ein aspekt der faszi­na­tion. einsil­big­keit und selbst­zu­rück­nahme machen eine gewisse authen­ti­zi­tät aus. das eigent­lich faszi­nie­rende war die dokumen­ta­tion des alltags und die dokumen­ta­tion der langsa­men veränderung/entwicklung. da fand ich (o.k, ich kann mich kaum noch erinnern, heute hätte ich vllt eine andere heran­ge­hens­weise) den unter­schied zwischen ost und west gar nicht so groß.  in bezug auf elemen­tare probleme/situationen – die sind/waren oft gleich.

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9 kacknorris Februar 9, 2009 um 17:35 Uhr

gibts auf dvd!!???? JAAAAAAAAAAAAAAA! irre..

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10 Torsten Februar 10, 2009 um 07:45 Uhr

Schön gesagt Herr Norris, stimme Dir in Deinem vorletz­ten Kommen­tar vollin­halt­lich zu. Und ja, die DVDs sind sehr zu empfeh­len.

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