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Der gute Landfilm: Shutter Island

von Torsten am 27. März 2010 · 6 Kommentare

in Der gute Landfilm

Ausnahms­weise mal ’ne ausge­lie­hene Kritik zum Guten Landfilm. Hätte ich genauso geschrie­ben – hätte ich nur gekonnt. 😉

Martin Scorsese spielt in jener exqui­si­ten Oberklasse von Regis­seu­ren, die höchs­tens eine Handvoll Mitglie­der zählt. Wenn der New Yorker einen neuen Kinos­piel­film an den Start bringt, ist das schon für sich genom­men ein Ereig­nis. Hatte der Italo‐Amerikaner früher in Robert De Niro (Hexen­kes­sel, Taxi Driver, Wie ein wilder Stier, Kap der Angst, GoodFel­las, Casino) seine Muse, übernahm Leonardo DiCaprio 2002 bei Gangs Of New York den Staffel­stab und spielt nun nach Aviator und The Depar­ted schon seine vierte Haupt­rolle für den Großmeis­ter. Die Vorzüge liegen auf der Hand: DiCaprio ist nicht nur einer der besten Schau­spie­ler seiner Genera­tion, sondern auch ein echter Filmstar, der die Menschen alleine mit seinem Namen in die Kinos locken kann. Das mag auch mit „Shutter Island“ gelin­gen, immer­hin hat das Studio die mögli­che negative Publi­city bei einem Oscar‐Reinfall vermie­den.

Scorsese geht gleich zu Beginn in die Vollen. Der Score tost pompös‐offensiv voran und schafft eine Atmosphäre wie in einem B‐Horror‐Thriller, die von Robert Richard­sons (Inglou­rious Basterds, „Aviator“) überra­gen­der Kamera­ar­beit veredelt wird. Der cinephile Regis­seur vermischt die Genres und nimmt mit der visuel­len Gestal­tung sowie mit Hard‐Boiled‐Dialogen Anlei­hen beim Film Noir, während er immer tiefer in die Psyche seiner Haupt­fi­gur eintaucht, die versucht, das Rätsel von Shutter Island zu lösen.

Die Puzzle­stü­cke, die von Drehbuch­au­torin Laeta Kalogri­dis (Pathfin­der, Alexan­der) geschickt ausge­legt werden, beschäf­ti­gen das Publi­kum erst einmal eine Weile, jeder Zuschauer kann sich einen eigenen Reim darauf machen und wer sich dafür viel Zeit lässt, hat keine Nachteile, denn mit einem Wendungs‐Coup werden die Karten neu gemischt. Unabhän­gig davon schlei­chen sich im Mittel­teil einige Längen ein, die Handlung kommt nicht voran und verliert ihren Fokus. Aber das ist die Ruhe vor dem Sturm: Im dritten Akt überschla­gen sich schließ­lich die Ereig­nisse.

DiCaprio (Blood Diamond, Zeiten des Aufruhrs), den gern unter­schätz­ten, aber oft ausge­zeich­ne­ten Mark Ruffalo (Zodiac, Colla­te­ral, Die Stadt der Blinden) und Ben Kings­ley (Gandhi, Schind­lers Liste) zur Verfü­gung zu haben, ist ein Segen, aus dem aber auch eine Verpflich­tung erwächst. DiCaprio ist der klare Domina­tor des Films. Alles ist auf den Kalifor­nier zugeschnit­ten, der mit purer Präsenz Akzente setzt. Sein Marshal Daniels wird von inneren Dämonen gejagt, die ihn aber nicht hemmen, sondern anspor­nen, weiter zu ermit­teln. Leider übertreibt es Scorsese mit geradezu epischen Rückblen­den, die Daniels‘ mentale Insta­bi­li­tät bebil­dern. Immer wieder geht es zurück in Daniels‘ Zeit im Zweiten Weltkrieg. Er hat als US‐Soldat an der Befrei­ung des Konzen­tra­ti­ons­la­gers Dachau mitge­wirkt, sich aber auch selbst kaltblü­ti­ger Morde schul­dig gemacht. Damit nicht genug, in einer zweiten Flashback‐Ebene plagt ihn der Tod seiner Frau Dolores, die in seinen Träumen zu ihm spricht und ihm Ratschläge gibt, was als nächs­tes zu tun sei. Diese Ausflüge in die Psyche sind für die Prosa eines Romans ein Geschenk, aber ihre filmi­sche Illus­tra­tion ist generell heikel. Während der Zuschauer gespannt die Thril­ler­hand­lung weiter verfol­gen will, hemmen die Rückblen­den immer wieder den Erzähl­fluss.

DiCaprios Co‐Star Mark Ruffalo steht unüber­seh­bar im Schat­ten des großen Leo. Er erfüllt überwie­gend die Funktion eines Stich­wort­ge­bers für seinen Boss. Ruffalo erhält wenig Gelegen­hei­ten zu eigenen Akzen­ten, aber überzeugt bei diesen mit seiner ruhigen Art. Ben Kings­ley als Gegen­pol zu den beiden US‐Marshals hat im Vergleich dazu die weitaus dankba­rere Rolle. Der Oscar­preis­trä­ger gefällt mit zurück­hal­ten­dem Spiel, was seine Figur des undurch­sich­ti­gen Dr. Cawley noch einmal geheim­nis­vol­ler erschei­nen lässt.

Mag es drama­tur­gisch auch einige Holprig­kei­ten geben, stilis­tisch ist „Shutter Island“ absolut über jeden Zweifel erhaben. Die abgele­gene Insel ist ein perfek­ter Drehort, die raue Landschaft und deren Insze­nie­rung gemahnt an Klassi­ker der Sechzi­ger­jahre und das Wetter nimmt teilweise gar die Funktion einer Neben­rolle ein, wenn ein kräfti­ger Sturm über das Eiland zieht und den Mikro­kos­mos Shutter Island ins Chaos stürzt.

Fazit: Martin Scorse­ses „Shutter Island“ ist kein Meister­werk. Oft sind die Einzel­teile des Thril­lers besser als das Ganze, daran ändert auch die heraus­ra­gende Kamera­ar­beit von Robert Richard­son und das engagierte Auftre­ten von Leonardo DiCaprio nichts. Ansons­ten gibt es von allem etwas zu viel: Die Cops sind ein bisschen zu abgebrüht, die Anstalts­alt­vor­de­ren ein wenig zu finster und die Schat­ten, die das Ungemach wirft, einen Tick zu lang. Doch die Brillanz, mit der Scorsese das alles insze­niert, ist trotz aller Einwände bewun­derns­wert und macht aus „Shutter Island“ einen absolut sehens­wer­ten Film. (Quelle)

Offizi­elle Website

Filmstarts.de
Kino.de


{ 5 Kommentare… sie unten lesen oder einen hinzufügen }

1 Schatten März 28, 2010 um 09:32 Uhr

der trailer klingt gut … mit sicher­heit etwas für einen gemüt­li­chen video­abend 🙂

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2 Alex April 3, 2010 um 17:06 Uhr

Vor ein paar Tagen geschaut. Wirklich guter Film. Nur der Schnitt war teilweise schlecht.

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3 Torsten April 4, 2010 um 00:31 Uhr

An einen schlech­ten Schnitt kann ich mich nicht erinnern, aber schön, daß Du der Empfeh­lung gefolgt bist. Toller Film! 🙂

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4 Alex April 4, 2010 um 09:40 Uhr

Also mit Schnitt meine ich, dass die Schnitte von verschie­de­nen Einstel­lun­gen nicht perfekt sind. In der einen Einstel­lun­gen zieht er an seiner Kippe und dann Schnitt, andere Einstel­lung der selben Szene, Arme in den Hüften, oder so ähnlich. Das ist mir mehrmals in dem Film aufge­fal­len. Aber find ich nicht so gravie­rend schlimm.

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5 Jens April 24, 2010 um 13:34 Uhr

Jepp, ein sehr feiner Film! Ich hatte im Vorfeld gedacht, er wird finste­rer – aber ich bin dann schon mit einem „cool!“ aus dem Kino gegan­gen.…

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