Monat: Oktober 2010

The Wedding Present in Hannover

„The boy Gedge has writ­ten some of the best love songs of the Rock’n’Roll Era.
You may dis­pute this, but I‘m right and you‘re wrong !”
(John Peel)

TextWenn John Peel Recht hat­te (und John Peel hat­te kwasi immer Recht!) dann hat David Gedge einige der besten Liebeslieder aller Zeit­en geschrieben. Um uns per­sön­lich und live­haftig von den Song­writerqual­itäten des Her­rn Gedge zu überzeu­gen, trat­en wir die kurze und voll­ständig unbeschw­er­liche Reise nach Han­nover an.

Unsere Reise begann um 19.00 Uhr in der heimatlichen Börde. Ich hat­te das große Los gezo­gen und mußte an diesem Abend nicht selb­st fahren. Stattdessen wurde mir ein Platz in einem ital­ienis­chen Reise­mo­bil ange­boten. Das Platzange­bot war for­mi­da­bel, die Ausstat­tung fabel­haft und die während der Fahrt stattge­fun­dene Kom­mu­nika­tion nicht min­der inter­es­sant. So macht­en wir uns in Auto 1 also auf den Weg, während uns das nigel­nagel­neue Auto 2 mit Teilen der Pep­pone-Besatzung und anderen net­ten Men­schen unauf­fäl­lig fol­gte. An der Abfahrt Braun­schweig Hafen trafen wir auf einen Ver­wirrten, der erwäh­nte Abfahrt als Auf­fahrt inter­pretierte und fol­gerichtig zum Geis­ter­fahrer wurde. Unsere bei­den Auto­mo­bile waren die let­zten die noch durchka­men, der Rest mußte dann wohl oder übel brem­sen und auf die Polente warten. Puh, Schwein gehabt — nicht das wir noch zu spät kommen!

In Han­nover angekom­men war die Lohkäh­schn auch schnell gefun­den. Das Café Glock­see überzeugte mit ein­er net­ten Innenein­rich­tung, einem ansprechen­den Auße­nam­bi­ente und net­ten Men­schen soweit die Augen reicht­en. Einzig über die Ein­laßzeit­en sollte disku­tiert wer­den dür­fen. Wenn man schon 30 Minuten bei knapp minus 40° Cel­sius in meter­ho­hen Schneewe­hen ste­ht, ist eine warme Decke, ein Täss­chen Grog und ein Reisegutschein nach Ibiza nun wirk­lich nicht zuviel verlangt.

Let­z­tendlich sind wir dann aber doch reingekom­men. Teile der Besatzung stürzten zum Kick­er um sich die Zeit zwis­chen Ein­laß und Haupt­band mit zwölf bis achtzehn Par­tien Tis­ch­fußball zu vertreiben. Was kein Ver­brechen war — denn die Vor­band namens Pre­cious Few bot eben­so tadel­losen wie lang­weili­gen Acoustic-Indie-Pop. Bei ein­er Her­mann-Kola ((erdig! schwarz! gut! Diese Art von offen­sichtlichen Indie-Gesöf­fen ken­nt man als herkömm­lich­er Börde­bauer ja gar nicht. Hier gibt’s eben nur Koka oder Beb­si!)) inspizierte ich den Mer­chan­dise-Stand und traf dort sog­ar auf Her­rn Gedge höch­st­selb­st! Ich kaufte mir die bish­er let­zte CD der Live-Series und ließ sie selb­stver­ständlich auch gle­ich sig­nieren. ((Ich bin mir des teenager­haften Treiben meines Tuns dur­chaus bewußt, ste­he aber vol­lum­fänglich und mit ganzem Herzen zu mein­er Tat. Ehret die Inter­pre­ten und ehret ihre Unter­schriften!)) Ich begann auch noch, ihm meinen Namen zu buch­sta­bieren, aber dieser kräh­si Englän­der kan­nte den ganz offen­sichtlich schon.

TextDer Herr Gedge scheint mir übri­gens ein geschäft­stüchter Zeitgenosse zu sein. Neben inzwis­chen gefühlten drei­hun­der­tachtund­siebzig Wed­ding Present-Veröf­fentlichun­gen gab es eine Bieterliste für eine von ihm sig­nierte Bass­box (?), die der Höch­st­bi­eter dann am Abend wohl mit nach Hause schlep­pen kon­nte. Außer­dem sig­nierte Drumdingers für 15,- EUR. Naja, er hat ja keinen Haup­tjob und macht seit gefühlten hun­dert Jahren tolle Musik — seien wir also nachsichtig.
Nun aber ging es endlich los — Wed­ding Present betrat­en die Bühne ((vor ca. 200 bis 300 Leuten. Nicht leer, nicht zu voll. Pri­ma)) um sofort eine Runde loszuschram­meln. Klein­er Beset­zungswech­sel am Schlagzeug (?) und am Bass — wovon beim besten Willen nix zu merken war. Die Band wirk­te wie seit hun­dert Jahren einge­spielt. Dabei ist David Gedge das einzige Orig­i­nalmit­glied. Was aber irgend­wie auch nichts macht, da er ja immer eben­so Kopf wie auch Marken­ze­ichen war. Los ging es also mit 2,3, Go! und dem sehr sel­ten live gegebe­nen Where every­body knows your name. Anschließend wurde das kom­plette Bizarro-Album aus dem Jahre 1989 durchge­spielt. Und wie! Ein großar­tiger Song rei­hte sich an den näch­sten und Mr. Gedge machte nur kurze Pausen um nach jedem Song die Gitarre zu tauschen. Ich ver­mutete eigentlich, die exzes­sive Schram­melei erfordert nach jedem Song ein neues Stim­men. Andere Quellen aber meinen, daß während jeden einzel­nen Songs Sait­en reißen. Und die wer­den dann aufge­zo­gen. Ganz neue Sait­en. Wenn er keine neuen Sait­en aufziehen ließ, unter­hielt er das Pub­likum mit Ansagen in Deutsch. Sel­bige waren nahezu voll­ständig fehler­frei, klan­gen aber trotz­dem wie aus einem Mon­ty Python-Sketch.

Nach dem vor­let­zten Song Take Me! hätte für mich eigentlich Schluß sein kön­nen, aber dem Album fol­gend gab’s noch Be Hon­est oben­drauf. Ein­gangs erwäh­ntes Take Me! jeden­falls ist ein unfaßbar großar­tiges Mon­ster von einem überirdisch guten Ram­bazam­ba-Song und sollte unten ((Ham­burg, nicht Han­nover! Meine Videokam­era hat­te Grippe.)) in voller Laut­stärke und mit wildgeschweck­tem, bere­its leicht schüt­terem Haupthaar genossen wer­den. So benutzt man Gitar­ren, Herrgottsakrament!!!

Nach diesem tollen Abend ((wie immer ohne Zugaben. Wed­ding Present geben nie Zugaben.)) trat­en wir die Rück­reise an. Der Hunger trieb uns dann noch zu ein­er imper­al­is­tis­chen Schnellmahlzeit­en-Kette aus Ameri­ka, wo wir den einen oder anderen Burg­er ver­drück­ten. Und auch auf Bürg­er trafen. So z. B. das hüb­sche Gesicht der gelun­genen Inte­gra­tion, den Mon­teur Michael, einen 360° Drehun­gen-üben­den Fies­ta-Fahrer aus der Niederp­falz und ein paar hun­grige Gestal­ten aus der Low Soci­ety. Und die waren alle auf Dro­gen, denn anders läßt sich ihr Ver­hal­ten nicht erk­lären… aber dazu niemals mehr.

Bis dahin und her­zlichen Dank an die Organ­isatoren, Fahrer und Teil­nehmende unser­er wun­der­hüb­schen Klassen­fahrt! Bis zum näch­sten Mal!