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[Werbung] Der wilde wilde Westen fängt gleich hinter Hamburch an

von Gunnar Roß am 3. Dezember 2018 · 0 Kommentare

in Kraut und Rüben

Sehr geehrte Lesezirkel‐Abonnenten,

mein Name ist Gunnar Roß und ich habe große Teile der Weltge­schichte verschla­fen. Dieser Beitrag enthält einen Werbe­link, der mir schwei­ne­mä­ßig viel Kohle einbringt. Ich habe meine Seele an den Teufel verkauft und es fühlt sich fantas­tisch an. Warum, weshalb und wieso, das möchte ich Ihnen gern in meinem heuti­gen Beitrag erklä­ren. Vorher möchte ich noch darauf hinwei­sen, daß dieser Text erstmals mit Fußno­ten verse­hen ist. Klicken Sie dazu nun bitte testweise auf die kleine ((Das haben Sie ganz prima gemacht! Sie können jetzt einfach auf das kleine Häckchen am Ende der jewei­li­gen Fußnote klicken und gelan­gen prompt an Ihre wohlver­traute Lesestelle zurück. Tolles Ding, diese schöne neue Welt!))

Am frühen Morgen des 10. Novem­ber 1989 schwang ich mich ebenso lust‐ wie stilvoll auf mein Klein­kraft­rad vom Typ Simson S51 electro­nic ((In dunkel­grün, der Farbe der Gewin­ner!)), um zum Frühdienst im Werk II eines hier nicht näher zu bezeich­nen­den Kombi­nats zu düsen. Es handelte sich nicht um ein Atomkraft­werk, soviel sei verra­ten. Ich heizte also über die Bundes­straße 71, deren Verkehrs­auf­kom­men damals mit dem heuti­gen nicht zu verglei­chen ist. ((Würde man dennoch einen Vergleich wagen, könnte man feststel­len, daß heutzu­tage ein Vielfa­ches an Verkehrs­ge­sche­hen vorhan­den ist. Damals jedoch gehörte die Straße mir beinahe ganz allein.)) Ich war King of the Road, frei wie der Wind, und bereits um ca. 5.30 Uhr verdammt gut gelaunt. Pünkt­lich gegen 6.00 Uhr traf ich an meinem Kombi­nats­sitz ein. Ich durch­schritt entschlos­sen der Flure übermäch­ti­ger Zahl und begab mich in einen Raum, den man damals nur mit sehr viel gutem Willen Büro schimp­fen konnte. Mit heuti­gen Büromaß­stä­ben nicht mehr zu verglei­chen, würde man dennoch einen Vergleich wagen, könnte man wieder oben beim Thema Verkehr weiter­le­sen. Die Zeiten sind eben andere und die Maßstäbe sowieso, und was zu jener Zeit schon schlecht war, wird auch in einer nostal­gi­schen Verklä­rung nicht besser. Doch zurück zum Thema: Ich traf also im Büro ein und mußte feststel­len, daß ich allein war. Mutter­see­len­al­lein. Kein Mensch da. Niemand außer mir. Ich dachte nach, ob es vielleicht möglich wäre, daß ich den Tag verwech­selt hätte? Hatten wir eventu­ell Sonnabend und ich wäre vielleicht völlig umsonst losge­heizt? Nein, es mußte stimmen: Wir schrie­ben Freitag, den 10. Novem­ber 1989. Ich hatte mich nicht vertan, soviel war sicher.

Dennoch schien mir die beinahe komplette Abwesen­heit der Beleg­schaft rätsel­haft. Ich schrak aus meinen Gedan­ken, als das Wandte­le­fon plötz­lich sehr heftig vor sich hin bimmelte. Nicht elektro­nisch und dezent wie heutzu­tage, nein mecha­nisch, wild und zu allem entschlos­sen. PLÄRR! PLÄRR! PLÄRR! so schep­perte der museums­reife Apparat. Ich nahm den Hörer ab. Am anderen Ende der Leitung eine Kolle­gin, die mich bat, dem Chef folgen­des auszu­rich­ten: „Ich komme heute nicht zur Arbeit, ich fahre nach Helmstedt!“. In Ordnung, so dachte ich mir, das richte ich natür­lich aus. Zwei Minuten später die nächste Kolle­gin, der nächste Anruf. Auch sie käme heute nicht zur Arbeit, da sie ebenfalls „auf dem Weg nach Helmstedt“ sei. Toll, dachte ich mir, dieses Helmstedt muß ja ein ganz zauber­haf­ter Ort sein, wenn da alle so am Freitag­mor­gen mal eben rasch hinfah­ren. Aber HALT!, Helmstedt?! Helmstedt?! Helmstedt?! War da nicht irgend­was, bzw. war das nicht irgendwo anders, dieses Helmstedt?! Lag das nicht im Westen? Also hinter der Grenze? Auf der anderen Seite der Mauer? Im Westen? Im WESTEN? Im W‐E‐S‐T‐E‐N???

Ich mußte nachden­ken. Irgend­et­was konnte hier nicht stimmen. War ich Opfer eines kapita­len Strei­ches gewor­den oder sind über Nacht alle meine Kolle­gin­nen und Kolle­gen in den Westen ausge­reist? Ich blieb jeden­falls den Rest des Vormit­tags allein im Büro, ohne Radio und ohne jede Verbin­dung zur Außen­welt. Irgend­je­mand muß mir dann im Laufe des Tages verkli­ckert haben, daß Genosse Günther Schabow­ski am Abend zuvor eher unabsicht­lich die Mauer geöff­net hatte. Leider erreichte mich diese Infor­ma­tion erst einige Stunden später. Auf meinem abgeschie­de­nen Kuhdorf gab es keine beson­dere Verbin­dung zur Außen­welt, der einzig heiße Draht war der der „Aktuel­len Kamera“, die ich jedoch aufgrund des bräsi­gen Singsangs und der akuten Inhalts­ar­mut nur äußerst selten einschal­tete. Das Inter­net war noch nicht erfun­den bzw. verfüg­bar und außer­dem hatte ich gar keinen Compu­ter. ((Ich hatte auch kein Handy, kein Auto, keine wirklich schöne Jacke und keinen Durch­blick; aber das ist ein komplett anderes Thema.)) Die Presse­kon­fe­renz vom Genos­sen Schabow­ski jeden­falls wurde live im DDR‐Fernsehen übertra­gen, ich aber sah sie nicht und ging dann später schla­fen. So kann’s gehen: Da hab ich schon mal ein Stück Weltge­schichte quasi vor der Kuhstall­tür, und was passiert? Ich verschlafe und lasse sie achtlos vorbei­zie­hen. Ein Trauer­spiel.

Die Zeit zog nun also auch mit geöff­ne­ter Mauer weiter ins Land. In den Tagen nach dem 9. Novem­ber bröckelte zusätz­lich zur Berli­ner Mauer auch die inner­deut­sche Grenze. Meine gnädige Frau Mutter und mein gnädi­ger Herr Vater weilten zum Zeitpunkt des Mauer­falls in der damali­gen ČSSR. Sie hatten für eine Urlaubs­reise nach langem hin und her tatsäch­lich zwei Visa bekom­men und vergnüg­ten sich im schönen Böhmer­wald bei Blasmu­sik und Knödeln.

Einige Tage später, es muß so um den 11./12. Novem­ber gewesen sein, schellte das heimi­sche Telefon. Meine Familie hatte eine dreistel­lige Nummer, ich verrate sie sogar, es war die 3, die 5 und die 8. Aber in einer anderen Reihen­folge. Dreistel­lige Nummern, das kann man sich heute gar nicht mehr vorstel­len! Bei der Vielzahl der Teilneh­mer [sic!] heutzu­tage, würde man unter einer dreistel­li­gen Nummer gar nieman­den mehr errei­chen, außer vielleicht die Polizei, die Feuer­wehr oder die SMH ((Schnelle Medizi­ni­sche Hilfe)). Bei denen würde es dann immer klingeln, was schlecht wäre. Man verlöre im Notfall wertvolle Zeit und außer­dem würde Chaos herrschen. Chaos finde ich nicht gut, ich finde Ordnung besser. Jeden­falls schellte das Telefon und ich ging ran. Tada, die liebe Westver­wandt­schaft! Die schwatz­hafte Schwipp­schwä­ge­rin der Schwie­ger­cou­sine meiner schwä­bi­schen Schwie­ger­toch­ter oder sowas in die Richtung. Aber nicht ganz so weit weg. Sondern näher dran. So nah nun aber auch wieder nicht, immer­hin sind meine Eltern Einzel­kin­der.

Jetzt hab ich den Faden verlo­ren, nochmal von vorn: Bimmel­bim­mel. Telefon. Westver­wandt­schaft. „Wo bleibt ihr denn? Die Grenzen sind offen! Kommt ihr uns nicht besuchen???“. Mutti und Vati ((Jaja, „Mutti“ und „Vati“, so sagte man damals. Heute sagt man Mama und Papa, oder was sagen Sie eigent­lich heute zu Ihren gnädi­gen Eltern?)) sind nicht da, sprach ich. Ich habe leider weder PKW noch den dazuge­hö­ri­gen Führer­schein, ihr müßt euch also noch ein paar Tage gedul­den.

Am 17. Novem­ber 1989 war es dann soweit. Meine gnädige Frau Mutter und mein gnädi­ger Herr Vater waren inzwi­schen wieder aus der Tsche­cho­slo­wa­kei einge­trof­fen. Sie stiegen in ihren Trabant ((Champa­gner­beige mit ocker­far­be­nem Dach – Duoco­lor!!!)), luden den kleinen Gunnar und seine Schwes­ter Luise ein, und fuhren mit Vollgas bzw. der Geschwin­dig­keit, die man damals dafür hielt, auf die Autobahn 2 in Richtung Marienborn/Helmstedt. So richtig konnten wir es gar nicht glauben, als die mürri­schen Grenzer einen Stempel in den blauen DDR‐Personalausweis drück­ten: Irgend­was mit Visum muß da gestan­den haben, mein Ausweis ist leider über die Jahre abhan­den gekom­men. Kaum hatten wir die Grenze passiert, da leuch­tete der goldene Westen schon in seiner ganzen Pracht: Alles war unfaß­bar bunt, alles roch unglaub­lich gut und neu und kaum hatten wir auf der Suche nach dem richti­gen Weg am Straßen­rand gehal­ten, schon hielten Passan­ten an und fragten uns in ungespiel­ter Höflich­keit, ob und wie sie uns denn weiter­hel­fen könnten. Das taten sie dann auch, indem sie uns den Weg wiesen. Keine Stunde später waren wir auch schon da – was im Sommer 1989 noch in einer anderen Welt lag, war nun gerade mal 40 km Luftli­nie entfernt…

So und nicht anders ist es passiert, liebe Leserin­nen und Leser! Im nächs­ten Teil dieser haarsträu­ben­den Mini‐Serie berichte ich Ihnen dann u. a. was es zu essen gab, warum ich vom golde­nen Westen nicht ganz so begeis­tert war, wie ich im Winter ’89 mal vor einer Kreuz­ber­ger Wagen­burg stand, warum wir Waffen nach El Salva­dor schaff­ten … und andere wegwei­sende Erkennt­nisse und Begeben­hei­ten aus dem Leben eines Forst­in­ge­nieurs!

Bis dahin Genos­sen und ein dreifa­ches Hossa! auf ein Leben in Freiheit und Selbst­be­stim­mung! ((Auch wenn viele gar nicht selbst bestim­men können. Oder wollen. Aber das ist schon wieder ein ganz anderes Thema…))
Euer Gunnar Roß

P.S. Liebe westdeut­sche Leserin­nen und Leser! Aufge­schreckt durch eine Wortmel­dung vom Genos­sen Marcus W. aus Süddeutsch­land, welcher sich nicht erinnern konnte, was er am 9. Novem­ber 1989 so getrie­ben hat, stellt sich mir die Frage: Welche Bedeu­tung hat dieser Tag eigent­lich für euch? Und warum wollen soviele von euch diese beschis­sene doofe Mauer wieder haben?

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