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Reisebericht: Morrissey live in Berlin

von Torsten am 13. Juni 2009 · 1 Kommentar

in Kraut und Rüben, Musik

It’s time the tale were told…

… of how we took our Volks­wa­gen und uns auf den Weg machten. Kurzer Abste­cher ins Branden­bur­ger Land, wo Vertrau­ens­kas­sen am Straßen­rand auf solvente Erdbeer­kun­den warten. Keine Erdbeer­kun­den, sondern lecker Erdbeer­ku­chen (mit frischer Sahne!) wurde uns dann von einem Drittel der Peppone-Besat­zung kredenzt. Aus purer Dankbar­keit nahmen wir den jungen Erdbeer­ku­chen­bä­cker und eine weitere Potsda­mer Nacht­ge­stalt mit nach Berlin.

Nämlich in Richtung Colum­bia­halle, um dem Meister die gebüh­rende Ehre zu erwei­sen. Morris­sey gab sich die selbige, mein zweites Morrissey‐Konzert nach 2006, damals in der Berli­ner Arena. Nach erfolg­rei­cher Parkplatz­su­che (ich sag ja, ich kenn mich eben aus! ;-)) standen wir auch prompt vor der Halle.

Der Security‐Mensch am Einlaß sollte sich bei „Wetten, daß…“ bewer­ben, da er in der Lage ist, durch bloßes Abtas­ten meiner Taschen meine Fahrzeug­marke zu bestim­men. Respekt für diese Leistung und Dank für eine insge­samt sehr entspannte und freund­li­che Security. Nach der Versor­gung mit Geträn­ken auf zum Merchandise‐Stand. 30 EUR für ein T‐Shirt, 10 EUR für eine 7‐Inch‐Single, 4 EUR für einen (hoffent­lich wetter­fes­ten!) Aufkle­ber. Junge Junge, Preise wie im Westen, wie man früher immer so schön sagte. Merchan­dise also bis auf die Aufkle­ber verwei­gert und weiter zum Leute gucken: Angeneh­mes Publi­kum, Durch­schnitts­al­ter geschätzte 33 Jahre, klassi­sches Indie‐Publikum. Einige Moz‐Lookalikes, einer davon sah dem Meister beinahe zum Verwech­seln ähnlich. I walked a pace behind you at the sound­check. You’re just the same as I am. Respekt für die Frisur und Hochach­tung für die Jahres­kos­ten an Pomade!

Dann Doll & the Kicks – die Vorband. Ganz netter Indie­rock mit Frau am Mikro. Gut anzuhö­ren, nicht weiter hängen­ge­blie­ben. Im Vergleich zu Kristeen Young, welche das Vorpro­gramm im Jahre 2006 bestritt, jedoch angenehm anzuhö­ren. Ich hab schlim­me­res erwar­tet.

Anschlie­ßend Umbau­pause samt der obliga­to­ri­schen Kurzfilm‐Arie, die bereits auch 2006 die Pause überbrückte. Obskure Grand Prix‐Beiträge aus den 60ern, Videos der New York Dolls und schlu­ßend­lich – Bang Bang! – fiel der Vorhang. Enthu­si­as­ti­scher Jubel aller­or­ten, als Morris­sey samt Band die Bühne betrat. Und los ging’s auch schon mit This Charming Man. Ein wenig gewöh­nungs­be­dürf­tig, einen der alten Smiths‐Songs im neuen Rockge­wand zu hören. Die Meinun­gen im Fanla­ger sind gespal­ten: Darf (soll?, kann?) man diesen alten Klassi­ker derma­ßen durch den Rockwolf drehen? Ich finde, live kann man das tun, ziehe aller­dings im Zweifels­fall die Origi­nal­ver­sion aus der Konserve vor.

Danach ging’s dann ganz Rockabilly‐like mit Billy Budd vom Vauxhall and I-Album weiter. Es folgte Black Cloud, der erste Song vom letzt­jäh­ri­gen Years of Refusal, gleich anschlie­ßend ohne jede Pause der Smiths‐Klassiker Ask. Auffal­lend während dieser ersten vier Tracks: Große Teile des Publi­kums sangen – insbe­son­dere bei den beiden Smiths‐Songs – den komplet­ten Text lauthals mit. Was im ersten Moment für ein schönes Gänsehaut‐Feeling sorgte, im weite­ren Verlauf des Abends jedoch ein wenig nervig war. Weil nämlich das Publi­kum an meinem Stand­ort rechts vor der Bühne deutli­cher zu hören war, als der Meister selbst. Die Deppen­dichte im Publi­kum war insge­samt gesehen zwar relativ niedrig, leider jedoch hatte ich ein kleines Stand­pro­blem: Links von mir ein Typ, der sich brachial den Blick nach vorn freihielt (er drängte die Vorste­hen­den einfach mit den Armen ausein­an­der) und rechts von mir zwei stark angetrun­kene Gestal­ten, die alle Texte mitgröhl­ten und sich auch für diese eine bestimmte schwan­kende Armbe­we­gung (rhyth­misch von links nach rechts – wie in diesen dämli­chen Oliver Geissen‐Musikshows auf RTgLotz­dich­blöd) nicht zu schade waren. Diese drei Nasen, und die ständi­gen Bierho­ler die sich durchs Publi­kum dräng­ten (könnt ihr nicht vorher saufen, oder gleich ausrei­chend Bier kaufen?!), waren somit meine drei Haupt­gründe, mich nach zwei Dritteln des Konzer­tes weiter nach hinten zu verdrü­cken. Vorher jedoch ging’s erstmal mit When last I spoke to Carol und How can anybody possi­bly know how I feel? weiter. Zwei famose Songs, letzte­rer jedoch hat mich live überhaupt nicht überzeugt. Der Sound war zwar ganz ordent­lich, aller­dings auch recht breiig. Wahrschein­lich lag’s daran.

How soon is now? war der nächste Song. Der hat mir 2006 live besser gefal­len, vielleicht war ich aber auch nur enttäuscht, weil ich die Insze­nie­rung (der Meister wälzt sich am Boden und am Ende schlägt der Drummer den Riesen­gong) schon kannte. Es folgte der nächste Hitblock, wobei eigent­lich fast alle Songs des Abends Hits sind: I’m throwing my arms around Paris, The world is full of crashing bores und Girlfri­end in a coma. Keine nennens­wer­ten Zwischen­fälle, alles ganz ordent­lich runter­ge­rockt, vielleicht mit einer zu großen Betonung auf „Rock“, aber dazu am Ende mehr.

Sehr gut gefal­len haben mir die nächs­ten drei Songs Why don’t you find out for yours­elf?, Seasick, yet still docked und Some girls are bigger than others. Beson­ders über die Bigger Girls habe ich mich gefreut, einer der besten Smiths‐Songs ever.

Anschlie­ßend One day goodbye will be farewell. Fand ich schon auf dem Album nicht beson­ders berau­schend, hat mich somit auch live nicht wirklich überzeu­gen können. Verzicht­ba­rer Song, so ehrlich sollte man bei allem Fantum schon sein. I keep mine hidden im Anschluß ebenso verzicht­bar. Warum Morris­sey diese alte Smiths‐B‐Seite ausge­gra­ben hat – keine Ahnung.

Bei Irish Blood, English Heart ging’s dann nochmal richtig ab, der ganze Saal am jubeln, mitsin­gen und feiern. Very schön! Let me kiss you sorgte gleich danach für einen besinn­li­chen Moment, bevor mit The Loop nochmal die Rockabilly‐Bulldogge von der Leine gelas­sen wurde. Schön, daß die Band bei diesem Song mal so richtig Gelegen­heit hatte, ihr Können zu demons­trie­ren. Famos!

Abschlie­ßend I’m OK by myself, der leider nicht genügend goutiert wurde. Für mich einer der besten Morrissey‐Songs aller Zeiten, ging live leider etwas unter.

Es folgte der obliga­to­ri­sche Abschluß­ju­bel, der aller­dings auch schon mal frene­ti­scher ausfiel. Wahrschein­lich hatten sich große Teile des Publi­kums bereits völlig veraus­gabt. Dennoch ließ sich der Meister zu einer Zugabe hinrei­ßen, First of the Gang to die stand auf dem Programm.

Was Morris­sey bewogen hat, den guten alten Hector so derma­ßen durch den Rockwolf zu drehen, wird mir wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Im Zusam­men­hang betrach­tet, drängte sich mir der Eindruck auf, der große alte Mann war froh, daß das Konzert endlich vorbei war. Eine Spiel­zeit von 75 Minuten, kaum Ansagen zwischen den Songs und zum Abschluß das – Verzei­hung! – hinge­rotzte First of the Gang to die. Ehe alles begon­nen hat, war es auch schon wieder vorbei.

Vielen Dank an die beiden jungen Damen aus Halle/Saale, die nach Ende des Konzerts draußen zufäl­lig neben mir standen und die zerknüllte Setlist entknor­kel­ten. Nett von euch, daß ich ein Foto machen durfte. Das ich eure Herkunft am Dialekt erkannt habe tut mir nicht leid, war aber auch nicht böse gemeint. Der Machte­bur­jer Slang klingt auch nicht schön. 😉

Ansons­ten: eine erfolg­rei­che Bühnen­en­te­rung einer jungen Dame, eine fast erfolg­rei­che eines jungen Herren. Keine Morrissey‐Chöre.

Die Rückfahrt angetre­ten, den Erdbeerkuchen‐Bäcker samt Nacht­ge­stalt wieder wohlbe­hal­ten im Branden­bur­ger Land abgesetzt. Noch ein Kaffee auf den Weg und dann mit Vollgas in Richtung Heimat. Ein nächs­tes Mal wird’s wohl nicht geben. Wenn ich die Zeichen richtig deute, wird Years of Refusal das letzte Morrissey‐Album bleiben und somit war die Tour wohl auch die letzte. Nicht der schlech­teste Abschluß, irgend­wann sollte man ja sowieso aufhö­ren. Warum also nicht, wenn’s am schöns­ten war?!

In steter Hoffnung, daß dieser Punkt noch nicht überschrit­ten wurde

verbleibt
Ihr Herr Amtsvor­ste­her

Bootleg‐Download:
Morris­sey, Berlin, Colum­bia­halle, 12. Juni 2009

Und das sagen die anderen: (wird laufend ergänzt)
Track­tate – Das Gefühl von gutauf­ge­ho­ben
Schor­leb­log – Morris­sey in Berlin
Der Tages­spie­gel – Morris­sey: Lasst euch küssen!
Welt Online – Morris­sey will einfach nicht geliebt werden
Frank­fur­ter Allge­meine Zeitung – Der Gladio­la­tor
Märki­sche Allge­meine Zeitung – Eine Ikone glänzt
Berli­ner Zeitung – Manche Mädchen sind größer als andere


{ 1 Kommentar… ihn unten lesen oder einen hinzufügen }

1 Jens Juni 15, 2009 um 19:32 Uhr

Danke, dass Du die Rückfahrt nicht weiter erwähnst .…
Ich fand das Konzert groß, obwohl ich über die Songaus­wahl doch nochmal nachge­dacht hätte, an SEINER Stelle…Egal, zum zweiten Mal, wenn es das letzte war.…Wir waren da, und das ist gut so! Schön!
Bruce, den Torten­bo­den kriegst Du aber auch allein hin, glaub mir. Kann ich Dir beibrin­gen.…

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